mop Geschichtenliebe: Ein erstes Treffen

Ein erstes Treffen



Ein weiterer Ausschnitt aus meinem Roman, der allerdings noch keinen festen Platz im Verlauf der Geschichte hat. Auch kommt er erst gegen Ende vor. Kleine Info nebenher, die auch für die Ausschnitte "Awns Traum" hilfreich ist: Die Yunya sind eine Rasse, die ich mir selbst ausgedacht habe. Die Protaginistin Awn gehört dieser Rasse an.



Loryn stieg den letzten Absatz hinauf, zog sich an einer Kante empor und kletterte auf die Plattform. Völlig außer Atem rappelte er sich auf, nur um sich fremden Gestalten gegenüber zu sehen. Hagere abgerissene Menschen, Skelette mit Haut bedeckt und dennoch erfüllt von Anmut, standen ihm gegenüber. Sie sahen kaum mehr lebendig aus, bewegten sich aber mit der Leichtigkeit und Schönheit einer Katze auf ihn zu. Jede Bewegung wirkte geschmeidig und elegant, völlig im Gegensatz zu ihrem Äußeren.
Hasserfüllte, blutrünstige und dazu selbstgefällige Blicke trafen ihn wie Pfeile und durchbohrten seine müden Glieder. Inmitten schmaler knochiger Gesichter saßen Augen, die vor Energie und Wut nur glühten. War er alledem entkommen, um nun diesen befremdlichen Erscheinungen zum Opfer zu fallen?

„Wer ist er?“
„Ja, wer ist er und was sucht er hier?
„Ist es sein Wunsch zu sterben? Den können wir ihm erfüllen.“
„Er sieht ihnen ähnlich, sehr ähnlich. Dünne Gestalt hat er, ganz wie sie, aber etwas ist anders.“
„Sie waren weiß, ja weiß waren sie und er ist schwarz, schwarz wie die Nacht.“
„Trotzdem muss er einer von ihnen sein! Wir haben es noch nicht geschafft.“
Sie kreisten Loryn ein, trieben ihn in ihre Mitte und murmelten ihm unverständliche Dinge zu. Einer löste sich aus der Menge und ging auf ihn zu. Lange Haare hingen diesem strähnig ins Gesicht, verdeckten einen Teil seiner Augen. Er schritt leichten Fußes auf Loryn zu, bewegte seine Beine in fließenden Bewegungen, beugte seinen Kopf jedoch einem pirschenden Raubtier gleich ihm entgegen.
„Nein“, verkündete er, nachdem er Loryn ausgiebig gemustert hatte.
„Nein! Der hier ist anders. Der Geruch des Todes haftet an ihm, durchdringt sein Fleisch und seine Seele. Seht, er ist ein Schatten.“
Mit ausladenden Schwüngen präsentierte er seinen Kameraden den Unglücksraben, der es gewagt hatte, die Schwerter zu erklimmen.

„Sage er, sind sie tot, alle tot?“, fragte er an Loryn gewandt, das Gesicht zu ihm herunter gebeugt. Sein Mund verzog sind zu einem selbstsicheren Grinsen. Seine Augen gaben die Mordlust hinter den Worten preis. Er schien dem Wahnsinn verfallen. Doch wenn Loryn sich umsah, erkannte er, dass sie alle diesen Blick hatten. Sie alle liebten den Tod, wie eine zarte Frau und wollten ihn in ihre dürren Arme schließen. Vorsichtig wich er zurück.
„Ich weiß es nicht“, stotterte er.
Die hochgewachsene Gestalt folgte ihm, umkreiste ihn, wie ein Adler seine Beute. Gierige Blicke hafteten an ihm.
„Was heißt, er weiß es nicht? Er muss dort gewesen sein.“
Loryn schüttelte den Kopf.

„Ich stieg aus einem großen Loch und sah die Welt in Trümmern, als ich oben ankam. Alles Leben war gewichen. Und am Himmel sah ich ein mächtiges Ungeheuer seine Runden ziehen. Es erspähte mich und nahm mich ins Visier. Aus Angst floh ich in die Berge. Und nun stehe ich hier“, suchte er sich zu rechtfertigen.
„Er lügt!“, beschloss die Menge. Ihr Anführer gab ihnen Recht. Unwirsch packte er Loryn am Hals, hob ihn hoch. Die Leichtigkeit mit der er das tat, kam seiner kümmerlichen Erscheinung nicht im Geringsten gleich. Er hatte eine ungeheure Kraft.
„Sollen wir ihn für seine Lügen strafen?“, fragte er in die Menge und leckte seine Lippen, wobei messerscharfe Zähne hervorblitzten. Spitze Klauen bohrten sich in den Nacken des Hilflosen. Diese Wesen waren kein bisschen menschlich. Verzweifelt versuchte er sich aus dem Griff zu lösen, strampelte und zerrte an der Hand, die sich bei aller Bemühung nur noch fester schloss.
Fast glaubte er ohnmächtig zu werden, da erschütterte ein Beben den Fels. Ein ohrenbetäubendes Brüllen erfüllte die Luft meilenweit, ließ Loryns Ohren vibrieren. Mit einem unsanften Schlag kam er auf dem Boden auf. Als er nun die Augen wieder öffnete, war alles schwarz. Riesige Schwingen breiteten sich über ihm und allem aus, hüllten die Welt in Schatten. Schatten die ihm nur zu vertraut und lieb waren. Alle Angst war auf einmal von ihm abgefallen.
Sein Schicksal vor Augen erhob Loryn sich und ging, an den bizarren Gestalten vorbei, auf dieses atemberaubende Wesen zu. Eine solche Schönheit hatte er nie zuvor gesehen. Dieser gigantische in Fell gehüllte Vogel thronte vor ihm auf und breitete nur für ihn seine ledernen Schwingen aus, schloss sie um ihn, als er näher kam. Die längliche haarige Schnauze näherte sich ihm. Luft strömte aus den Nüstern, die groß genug waren, dass er seine Hand hätte hinein legen können. Rot schimmernde Augen sahen ihn aus harten Zügen an, vermittelten ihm aber ein sanftes Gefühl von Geborgenheit.
„Er scheint den Jungen zu mögen“, bemerkte jemand hinter ihm verblüfft.
„Korrondo mag niemanden!“, rief ein anderer.

Loryn fühlte die Verbindung zwischen ihm und seinem neuen Gefährten. Er fühlte, dass sie für einander bestimmt waren, dass all das kein Zufall war. Und das Wesen wusste, es hatte seinen Herrn gefunden. In diesem Moment erkannte er, dass das Gerede der Yunya über Schattenschwingen wahr gewesen war und dass die Dunkelyunya deren Bestimmung waren. Die alte Ordnung wiederherzustellen, die alten Aufgaben wieder aufzunehmen, dafür war die Zeit nun gekommen. Die Götter hatten den Yunya eine zweite Chance gegeben. Nur fiel die Ehre diesmal ihren unlieben Schatten zu.
Mit einem Griff umschloss Loryn die Schnauze seines Gefährten, der ihn daraufhin mit in die Höhe riss und auf seinem Rücken absetzte. Ohne weitere Umschweife erhob das Tier sich in die Lüfte und flog mit seinem Herrn davon. Auf die Welt zu bessern, sie zu richten.

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