mop Geschichtenliebe: Cerens Welt - Kapitel 1

Cerens Welt - Kapitel 1




Wasser. Überall Wasser. Es umgibt ihn. Von allen Seiten. So kalt. So nass. So friedlich und ruhig. Die Welt verschwindet in Stille. Die Sonne liegt in weiter Ferne, draußen. Sie wiegt sanft mit den Wellen, ebenso wie das Gras. Das Gras draußen am Ufer und das Gras hier unten am Grund.
Fast könnte er sich in dem Moment verlieren. Fast, wäre da nicht diese eine Sache. Ein Umstand für ihn von unabdingbarer Wichtigkeit. Ein Umstand, der ihn nicht vergessen lässt. So unscheinbar und doch so weltbewegend. Luft. Atem.
Er muss auftauchen, raus aus der Stille, zurück hinein in das Treiben des Alltags. Er muss, selbst wenn er nicht will. Denn er will leben. Das wird ihm in diesem Moment bewusst. Leben, atmen, laufen gar rennen. Er will zurück.
Doch er kann nicht. Etwas hält ihn davon ab, hält ihn fest. Nein. Das stimmt nicht, denn er kann sich frei bewegen. Er könnte, wäre da nicht diese Kraftlosigkeit. Seine Glieder sind träge. Sein Wille wird schwach. Er kann nichts dagegen tun. Nur den friedlichen Anblick des wiegenden Grases genießen.
In fließenden geschmeidigen Bewegungen streift es von einer Seite zur anderen. Im Einklang mit dem Wasser, den Wellen, mit ihm. Wie ein Pendel das sein Ende herabzählt. Hin und her. Tick, tack. Immer zu. Ohne Unterlass. Ohne den Blick von ihm zu wenden, verweilt dieses Gesicht dort hinten im Grün. Es beobachtet ihn. Neigt den Kopf nach links, nach rechts. Mustert ihn.
Seine Sicht verschwimmt, verblasst, ergraut. Er sieht nur dieses Gesicht, die fahle Haut, die starren Augen. Sie kommen näher. Ergreifen ihn. Hände umschließen sein Gesicht.

„Ceren!“
Jäh wurde ich aus Gedanken gerissen und zurück in die Wirklichkeit geholt. Wie oft hatte ich diesen Traum. Nachts sowie des Tages. Er verfolgte mich. Doch ich wusste nicht weshalb. Aus welchem Grund sah ich immer wieder diesen Jungen ertrinken? Und wem gehörte dieses Gesicht, das so gar nicht menschlich wirkte?
„Bist du etwa eingeschlafen?“, rief mir jemand neckisch zu und kicherte. Ich wandte meinen Blick vom See ab und über die Schulter und sah Lina auf mich zukommen. Sie schliff einen großen Stock hinter sich her. Er drängte das hohe Gras beiseite und ließ es wieder zurück wehen. Lina hatte ein breites Grinsen im Gesicht. Das hatte sie immer. Sie war ein so fröhliches Mädchen.
„Komm schon, die Kleinen wollen, dass du mitspielst“, meinte sie mahnenden Blickes und lachte. Das Lachen verging ihr jedoch bald, als sie mich ansah. Besorgnis ergriff ihre Mimik.
„Was hast du denn? Stimmt was nicht?“, fragte sie und neigte dabei den Kopf. Das tat sie immer, wenn sie etwas fragte. Immerzu legte sie den Kopf schief. Was für eine alberne Eigenheit, doch ich mochte sie. Lina sah niedlich aus, wenn sie das tat. Ihr langes braunes Haar fiel dabei über die eine Schulter und umspielte ihren Hals. Und ihr Blick dabei war zu süß.
Normaler Weise. Heute nicht, denn heute war sie in Sorge, das sah ich ihr an. Es war ihr nicht zu verübeln. Ich musste ein schreckliches Bild abgeben. Das tat ich wohl immer, wenn ich diesen Traum hatte. Viele hatten mich schon darauf hingewiesen und viele machte sich Gedanken deswegen. Doch niemand wusste, woran es lag. Ich sprach nie über diesen Traum. Mit niemandem.
„Schon ok, Lina, ich bin gleich da“, sagte ich, um sie zu beschwichtigen und erhob mich träge aus dem Gras.
„Mit dir stimmt doch was nicht! Du hast schon wieder diesen Blick. Los sag mir endlich, was es damit auf sich hat! Ceren, bitte...“, versuchte sie mich zu drängen. Sie griff nach meinem Arm, wollte mich festhalten, doch ich entwand mich ihr. Sanft legte ich eine Hand auf ihre Schulter und sah ihr in die Augen. Diese warmen braunen Augen, die mich an beruhigten wie fallendes Herbstlaub und die Farbe reifer Haselnüsse hatten.
„Es ist alles gut, Lina“, sagte ich mit warmer Stimme. Dann schritt ich an ihr vorbei zu den Kindern, die auf der großen Wiese spielten. Ich hörte sie bereits von hier aus lachen und toben. 



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