Cerens Welt - Kapitel 2.2




Ich nickte und ließ sie losziehen. Wie konnte sie so etwas fragen. Seit wir Kinder waren, gingen wir zusammen zu diesem Fest. Jede Woche, an dem Tag der Diskussion, gab es ein gemeinschaftliches Kochen und Essen auf dem Dorfplatz. Dabei kam das gesamte Dorf zusammen und alle konnten sich austauschen, Geschichten erzählen und lachen. Vor allem den Geschichten der Alten lauschten wir immer gerne. Sie erzählten oft von ihrer Kindheit und dem Unfug den sie getrieben hatten.
Großmutter Katha war dabei besonders frech. Ihre Erzählungen erinnerten mich an mich selbst. Vielleicht hatte ich diese Abenteuerlust von ihr.
Wir saßen alle um ein großes Feuer, in dem Kessel mit Suppen hingen. Hoch darüber hing verschiedener Fisch aller Größen, der vor sich hin schmorte. Ein paar Kinder hatten kleine Fische auf Stöcke gespießt und neben dem Feuer in die Erde gesteckt, damit sie gar wurden. Tilo machte ein verbittertes Gesicht, als er genüsslich von seinem Spieß abbiss und feststellte, dass sein Mahl noch roh war. Angewidert spuckte er den Fetzen ins Feuer und besorgte sich Nachschub.
Großmutter Katha begann gerade wieder eine ihrer Geschichten, als der erste Spieß vom Feuer geholt und verteilt wurde. Alle Kinder setzten sich im Kreis vor sie und auch ein paar der Erwachsenen taten ihnen gleich. Ich sah hinüber zu Lina und warf ihr einen fragenden Blick zu. Sie nickte grinsend und verdrehte dabei die Augen. Gemeinsam gingen wir zu Katha rüber und nahmen Platz. Ich liebte ihre Geschichten. Sie waren so voller Energie und Tatendrang. Das gefiel mir.
„Als ich noch jung war, so wie ihr“, fing sie an und warf mir einen neckischen Blick zu, „Da habe ich viel Unfug angestellt. Meine Eltern waren nie sehr glücklich darüber. Sie haben mich viel geschimpft. Passt lieber auf, dass euch das nicht auch passiert!“, sagte sie mahnend und lachte dabei.
„Das sagst du jedes mal Katha! Wir wollen eine Geschichte“, meinte eines der Kinder schmollend. Katha gab sich geschlagen und begann zu erzählen.
„Früher da gab es noch kein Hühnerhäuschen, da liefen die Tiere alle frei herum. Man hatte nur einen kleinen Holzzaun um sie herum aufgestellt, damit sie nicht wegliefen. Das Häuschen gibt es erst seit ich eine junge Frau bin. Wisst ihr warum? Ich habe damals immer die Hühner gestohlen und versteckt. Eines habe ich auf den Baum beim See gesetzt. Es hat fürchterlich laut gegackert. Das ganze Dorf hat es gehört und ich war ziemlich schnell entlarvt. Ein anderes aber habe ich in einen Hasenbau gesteckt. Es war viel zu fett, also musste ich den Bau aufgraben und danach wieder zuschütten. Das Huhn haben sie tagelang gesucht und ich saß auf einem Baum, habe die armen Alten beobachtet und mir ins Fäustchen gelacht. Sie haben aber recht schnell heraus gefunden, wie die Hühner immer wieder verschwanden und mich fürchterlich ausgeschimpft. Seit dem gibt es dieses Häuschen in dem die Hühner kaum noch Platz und Tageslicht haben“, endete sie betrübt.
Innerlich mochte sie womöglich diesen Streichen nachtrauern und sich überlegen, wie sie noch einmal an ein Huhn käme, um es zu verstecken.
Ich nahm einen Teller mit Fischeintopf und großen Stücken des Spießfisches entgegen und reichte ihn weiter, solange bis jeder um Großmutter Katha versorgt war und ich meinen eigenen bekam. Kauend lauschte ich den Kindern, die sich abenteuerliche Geschichten über Hühner, Bäume und den See erzählten. Großmutter stachelte sie mit ihren Erzählungen immer wieder dazu an, denselben Blödsinn zu machen. Meine Eltern nahmen ihr noch immer übel, dass mein kleiner Bruder Josen ihr diese Wagnisse nachmachte.
Sie erwähnte dabei nicht ein einziges Mal, dass ich es war, der ihn dazu anstiftete. So wahrte sie den Schein und ließ meine Eltern im Glauben, dass ich ein braver Junge war, der all den Unfug nur veranstaltet hatte, weil sie dazu veranlasste. Ich war ihr immer noch dankbar für diese Aufopferung.

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