mop Geschichtenliebe: Cerens Welt - Kapitel 2.3

Cerens Welt - Kapitel 2.3





Zur selben Zeit wurde die Nacht andernorts ebenfalls von Flammen erhellt. Hungrig züngelten sie eine Hauswand empor, gierten nach der Spitze des spröden Strohdaches. Schatten huschten über den erdigen Boden und tanzten an den übrigen Gemäuern. Das Dorf war in seichtes orange getaucht.
Schreie wurden laut, Menschen eilten hastig umher, in alle Richtungen wie verängstigte Hühner. Doch sie entkamen nicht. Kaum jemand konnte jemals entkommen. Im dumpfen Licht des brennendes Hauses bewegten sich Schatten schnell wie Raubtiere, jagten den Fliehenden nach.
Ein zittriger Arm griff aus dem Fenster des Hauses, die Haut von Hitze zerfressen, das blanke Fleisch freigelegt. Eine sterbende Stimme schrie mit letzter Kraft ein einzelnes Wort heraus, immer wieder: „Mama! Mama!“. Eine der Gestalten ließ von seinem unmittelbaren Opfer ab und wandte sich stattdessen der Quelle der Schreie zu. Hinter den Flammen regte sich der Schemen eines Menschen. Das Gesicht eines kleinen Kindes brach daraus hervor und stürzte zum Fenster, beinahe wäre es heraus gefallen.
„Mama“, schrie es weiter und hob schwerlich den Kopf, um ihr einen letzten Blick zu schenken, bevor die Flammen ihm das Augenlicht nahmen. Ein klagender Schrei der Verzweiflung entfuhr der Frau, die nunmehr ihr sterbendes Kind erblickte. Unwillkürlich begann sie bitterlich zu weinen. Die Gestalt, die noch immer zwischen den beiden stand, rümpfte angewidert die Nase beim Geruch von verbrannten Fleisch und ließ es geschehen.
„Maron!“, schrie die Frau zuletzt voller Reue, bevor die Kreatur seine Zähne in ihren Hals trieb, um ihr den Gar aus zu machen. Genüsslich riss sie sich ein paar Stücke heraus und verspeiste sie, während sie ihresgleichen bei der Jagd beobachtete.

Der nächste Morgen brach mit Regen herein, doch war das Feuer längst erloschen, bevor des Himmels Wasser sein Übrigen tun konnte. Die Ruine des einstigen Farmhauses stand in Trümmern da, herabgebrannt bis auf die Grundmauern. Kaum mehr konnte man das Mobiliar ausmachen, lediglich an kümmerlichen Bruchstücken und Haufen von Asche festmachen, dass es eines gegeben hatte. Eine zusammengekauerte Gestalt hing über der Aussparung die einst ein Fenster bildete, mit einem Arm nach etwas greifend. Die Haut war zur Unkenntlichkeit verbrannt, hinterließ nichts als schwarze Kohle, bröckelnde Teile, die im Regen verwuschen.
Inmitten des Dorfes stand ein Stuhl, der prächtigste der aufzutreiben war. Darauf ein Mann von seltsamer Statur. Seine über Kreuz geschlagenen Beine waren kurz, muskulös und gerade lang genug, um den Boden zu erreichen. Umso länger waren dafür seine Arme. Zu lang und dünn, um einem Menschen zu gehören. Die Eine ruhte friedlich auf dem einen Knie. Die Andere hielt in selbstgefälliger Geste etwas auf Augenhöhe. Ein abgetrennter Arm, schmutzig von Schlamm, Blut tropfend.
Neben dem Mann auf dem Stuhl lag ein anderer Mann im Dreck, gekrümmt von Schmerz. Ihm fehlte ein Arm. Blut verteilte sich unter ihm.
Um den Mann auf dem Stuhl herum tummelten sich weitere seiner Art, mit gierigem Blick und einer Mimik voller Selbstgefallen. Ihnen gegenüber in eine Ecke gekauert tummelten sich weitere der menschlichen Art, von Angst zerfressen, mit blankem Entsetzen im Blick.
„Nun an. Wollt ihr dienen, als treue Untergebene oder als Futter?“, sprach der Mann auf dem Stuhl in hoch adretter Zunge und zeigte mit dem abgetrennten Arm in seiner Hand auf den Pöbel zu seinen Füßen. Ein unheimliches Grinsen umspielte seine Lippen, doch seine Augen sprachen Ehrlichkeit.


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