Cerens Welt - Kapitel 2.4




Der Morgen begann ruhig, wenn auch regnerisch. Die Ströme Ysaras Tränen verwandelten das Gras in ein tückisches Meer aus Schlamm, schenkten jedoch den Pflanzen Kraft zu wachsen. Die Kinder liebten solche Tage, nicht zuletzt, weil sie sich in feuchten – wohl mehr wässrigen – Wiesen suhlen konnten. Josen war mit den anderen Kleinen schon vor einer Weile zum See gelaufen. Mutter machte sich Sorgen um ihn, wie an jedem Tag, er könne erkranken, sich verletzen oder Schlimmeres.
Vater teilte ihre Sorge kaum. Wenn Josen oder auch ich etwas Dummes anstellten, sorgte er für Reue mit ordentlich Tatkraft und ließ uns schließlich abziehen. Mutter hatte das nie gutgeheißen, doch geschadet hatte es bisher auch nicht. Immerhin kannte ich meine Grenzen oder vielmehr die Grenzen dessen, was meine Eltern erfahren sollten und was nicht.
„Bruder Ceren“, flüsterte eine zarte Stimme hinter mir. Ich wandte mich ihr zu und erblickte meine kleine Schwester Nayeli, schüchtern vor mir stehend. Hinter mir plätscherte der Regen auf das Vordach und den nassen Boden. Nayeli hasste Regentage, sie hatte sogar Angst davor. Warum, habe ich nie verstanden.
„Bruder“, sagte sie wieder und sah mich dabei mit ihren Herz erwärmenden Kinderaugen an. Ihre kleinen Hände zitterten, sie sah ängstlich zu mir auf und über ihre Wange lief zögerlich eine einsame Träne. Ich reichte ihr meine Hand und trat zurück ins Haus, woraufhin sie sich in meine Arme warf und mich schluchzend umklammerte.
„Nayeli, Kleines“, sagte ich ruhig und strich ihr dabei über das weiche Haar, „Du bist nun schon Sieben, langsam musst du dich doch an Ysaras Tränen gewöhnt haben.“
Sie sah mich verständnislos an und schüttelte heftig den Kopf, wobei ihre beiden hochgebundenen Zöpfe im Kreis flogen. Sie hatte schon sehr früh ihren eigenen Kopf durchgesetzt, nicht nur was Tage wie diesen betraf. Nayeli mochte ihr gelocktes Haar nicht besonders, also beschloss sie eines Tages es sich abzuschneiden, da war sie gerade Drei. Mutter war nicht sehr glücklich darüber gewesen und hatte sie geschimpft. Ein Mädchen musste langes Haar tragen, hatte sie immer wieder betont. Ein alberner Streit war das. Doch Nayeli hatte daraus gelernt und bestand seit dem darauf, dass ihre Haare zu Zöpfen gebunden wurden, bis sie es selbst hinbekam. Nun knotete sie sich täglich zwei große bauschige Schweife an beide Seiten ihres Köpfchens.
Auch bestimmte sie selbst, was sie essen wollte. Jedes Bitten und Drängen, Zwingen und Drohen hatte keinen Sinn, die kleine Nayeli aß nur, was ihr schmeckte und probierte nur das, worauf sie Lust hatte. Das würde sich wohl auch nie ändern. Ein störrisches kleines Mädchen.
Zwar konnte sie sehr garstig und eigensinnig sein, doch im Grunde war sie ein liebes Ding, das man einfach gern haben musste. Josen war da zwar anderer Ansicht, doch die beruhte wohl hauptsächlich auf Neid. Er war der Meinung, Mutter und Vater schenkten ihr mehr Aufmerksamkeit als ihm. Das stimmte zwar, doch war sie auch mehr im Haus als er.
Josen war ein Rabauke ganz wie ich, immer auf Achse und mit dem Kopf in den Wolken, wohingegen unsere Schwester sehr auf Erwachsene fixiert war, vor allem auf Vater. Mutter schimpfte oft mit ihr, weil sie so störrisch war und Vater nahm sie in Schutz oder zumindest in die Arme. Auch an mir hing sie sehr stark.
„Du weißt ich mag Ysaras Tränen nicht, Bruder Ceren! Wenn sie so gut zu uns ist, warum macht sie dann, dass der Himmel weint?“, meinte Nayeli trotzig.
„Ysara wacht über uns und diese Welt, das weißt du doch. Sie weint Tränen der Fürsorge, um die Pflanzen mit ihnen zu nähren. Nur so haben wir Tag für Tag zu Essen“, erklärte ich ihr, nicht zum ersten Mal.
„Aber kann sie das denn nicht Nachts machen? Dann wenn alle schlafen und es keinen stört.“
„Ach Schwesterlein“, sagte ich fröhlich und tätschelte ihren Kopf, „Ysara ist zeitlos, für sie gibt es keinen Tag und keine Nacht. Sie schläft nie.“
Nayeli verschränkte die Arme und wandte sich beleidigt ab.


Weiter

Kommentare:

  1. Schöne Geschichte. Ich bin schon gespannt, wie es weitergeht.
    So wie es bisher lief, wird es wohl noch richtig dramatisch werden. Ich freu mich drauf :)

    AntwortenLöschen
  2. Vielen Dank, das freut mich! Dramatik war geplant ja, auf die verschiedensten Weisen, aber wie gesagt, wird das Ganze nochmal umgeschrieben werden.

    AntwortenLöschen