mop Geschichtenliebe: Cerens Welt - Kapitel 2.6

Cerens Welt - Kapitel 2.6




„Aber du hast da was! Da hinter deinem Rücken!“, rief Keno. Hastig ließ ich ihn in meinem Ärmel verschwinden. Die Kinder liefen um mich herum und suchten alles ab, drehten meine Hände fünf mal um, bevor sie aufgaben. Ich hob die Arme und öffnete die Hände demonstrativ. Dabei rutschte das Tier weiter in mein Hemd.
„Seht ihr, da ist nichts. Er ist abgehauen. Sicher hüpft er hier irgendwo rum“, verteidigte ich mich, woraufhin die Kleinen zustimmend ausschwärmten und weiter suchten. Erfolglos, wie ich wusste. Es sei denn sie fanden einen anderen Frosch. Als sie außer Sicht waren, schüttelte ich den toten Körper aus meinem Hemdärmel und begutachtete ihn erneut.
Er war eindeutig tot. Aber warum. Ich hatte eindeutig nicht nach einem toten Tier gegriffen. Er hatte noch gelebt, als ich nach ihm griff. Merkwürdig. Sicherheitshalber, damit die Kinder nicht dahinter kamen, versenkte ich ihn im See bevor ich zum Dorf zurück ging.
Vater war nicht besonders angetan von dem Wetter. Er überprüfte gerade eine der Planen, die wir heute morgen hastig über unser Boot und das Feuerholz geworfen hatten. Sie hatte ein Loch. Fluchend versuchte er es abzudecken oder zu stopfen; ich war mir nicht ganz sicher, denn besonders geschickt war er in solchen Dingen nie gewesen.
„Brauchst du Hilfe?“
Tropfen wirbelten aus seinem dichten braunen Bart, als er sich zu mir umdrehte. Ich lehnte mich gerade über den Zaun unseres Hauses, da wollte er mich noch zurückhalten. Mit ausgestrecktem Arm und dem Mund zur Warnung geöffnet, beobachtete er, wie ich mitsamt der Holzlatten im Schlamm landete.
„Du Hohlkopf, hatte ich dir nicht gesagt, dass wir den Zaun reparieren müssen. Großartig, noch mehr zu tun bei dem Wetter.“
Er wandte sich mürrisch ab und starrte sehnsüchtig den Wolken entgegen. Stöhnend richtete ich mich auf. Mein Bauch und der rechte Arm schmerzten. Ich musste auf die Bretter gefallen sein. Zumindest konnte ich mir nun die Ausrede sparen. Ich schabte eine dicke Schicht matschiger Erde von beiden Armen, den Beinen und aus meinem Gesicht.
„Ich geh Holz holen“, verkündete ich und machte auf dem Absatz kehrt.
„Nein.“
Seine Stimme war ruhig und bestimmt zugleich.
„Erst müssen wir die Plane in Ordnung bringen. Das Holz nützt uns nichts, wenn es nass ist.“
Also machte ich kehrt und mich daran ihm zu helfen. Was er da bisher versucht hatte, sah eher notdürftig aus.
„Wieso nähst du es nicht zusammen? Ein bisschen Wachs darüber, das sollte doch halten.“
„Nähen ist Weiberarbeit!“, schnaubte er nur. Stirn runzelnd ging ich nach drinnen, um zu holen, was nötig war. Er konnte so stur sein.
Nach ein paar Minuten war das Loch verschlossen und Vater beschwichtigt. Jedoch beäugte er mich kritisch.
„Warum kannst du so etwas?“
Ich zuckte mit den Achseln.
„Ist nützlich, siehst du doch.“
Darauf sagte er nichts mehr und wandt sich lediglich kopfschüttelnd dem Zaun zu. Bei einer solchen Reparatur war er voll und ganz in seinem Element. Binnen weniger Augenblicke hatte er den Schaden behoben, den ich verursacht hatte. Ein paar letzte Schläge fehlten noch.
„Wie geht’s deinem Bruder?“, fragte er während er den Hammer auf einen Nagel prallen lies.
„Ziemlich gut, er spielt mit den anderen Kindern am See“, antwortete ich.
„Und deiner Schwester?“
„Wie üblich, sie sitzt in der Stube und starrt ins Feuer“, antwortete ich.
„Du solltest dich mehr um sie kümmern“, warf er mir vor. Ich blickte ihn an.
„Mutter bat mich nach Josen zu sehen.“
„Sie hat nicht viel übrig für Nayeli“, entgegnete er seufzend. Ich schwieg. Man konnte es leugnen, doch Vater hatte Recht. Wenn man sie etwas länger beobachtete, fiel einem auf, wie sehr sie sich um meinen Bruder bemühte, ihn umsorgte und wie sehr meine Schwester darunter litt. Sie war diejenige, die von Mutter nur geschimpft wurde, aus den banalsten Gründen. Wir mieden dieses Thema seit je her, sprachen Mutter auch nie darauf an. Nicht mehr seit sie deshalb einen Wutanfall bekommen hatte.
Sie war vollkommen außer sich gewesen, hatte unter Tränen, zwischen Stammeln und Schreien, wirres Zeug gemurmelt. Von Leid das sie zu tragen hätte und dass sich niemand um ihre Gefühle scherte. Vorwürfe hatte sie uns gemacht und Dinge nach uns geworfen, als wir versucht hatten, sie zu beruhigen. Dabei hatten wir lediglich gefragt, ob sie etwas gegen ihre Tochter hatte, etwas empfand, das wir nicht verstehen konnten.
Nayeli war an diesem Tage vollkommen verängstigt aus dem Haus gelaufen, hinaus in den Regen und hatte sich in einer Baumhöhle versteckt. Das war der Tag, an dem sie sich das letzte Mal in den Regen begeben hatte. Seither meidet und verabscheut sie ihn. Wir haben es nicht ein einziges Mal geschafft, sie wieder nach draußen zu bekommen, wenn Ysaras Tränen fielen.


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