mop Geschichtenliebe: Cerens Welt - Kapitel 2.7

Cerens Welt - Kapitel 2.7




„Hast du Hunger?“
Ich nickte stumm. Irgendwie hatte ich eine Vorahnung.
„Geh ein Huhn holen, du weißt ja wie Nayeli sie mag, und ein paar Eier und geh nachsehen, ob Emmet noch Gemüse für uns übrig hat, Kartoffeln oder so.“
Mit diesen Worten begab er sich ins Haus und zog knarrend und knallend die Tür hinter sich zu. Es war so klar gewesen. Seufzend schnappte ich mir einen der großen Körbe die ebenfalls unter der Plane gelagert waren und machte mich auf zu Emmets Haus. Nach dem achten Mal Klopfen, schlurfte endlich eine Gestalt zur Tür und riss sie verärgert auf. Emmet wollte schon lospoltern, da erblickte er mich und senkte den zum Fluchen erhobenen Arm wieder.
„Kartoffeln und Möhren?“, fragte er mit müder Stimme und trat in den Raum zurück ohne auf eine Antwort zu warten. Ich folgte ihm und schloss die Tür wieder hinter mir. Den Korb stellte ich auf einen Tisch und beobachtete den alten Mann, wie er in seine Speisekammer trottete.
„Hast du noch ein paar weiße Rüben übrig?“
Grummelnd murmelte er etwas und begann in der Kammer zu wüten. Mit den Armen voll Essen trat er schließlich wieder heraus. Emmet war hochgewachsen und breit gebaut, ein Monstrum eines Mannes, selbst neben meinem eigenen Vater. In seinen Armen wirkte das Gemüse recht wenig, gerade genug für eine Person, doch wenn er es in den Korb fallen ließ, erkannte man erst, wie viel es war. Ich sah ihn an.
„Was ist los?“
„Gar nichts. Verzieh dich“, murrte er Zähne knirschend und wollte sich abwenden. Ich starrte ihn unablässig an. Stöhnend wandte er sich mir wieder zu.
„Ich frag dich nur einmal.“
„Und ich sag nur einmal, dass du abziehen sollst.“
Ein Körper wie ein Schrank wirbelte herum und steuerte auf die Treppe des Hauses zu. Mit dem Fuß auf der zweiten Stufe hielt er inne.
„Pass auf Lina auf.“
Er nahm gleich noch einmal zwei Stufen, um sich die Treppe hinauf zu hieven. Nachdenklich blickte ich ihm nach. Linas Großvater war immer schon ein Fall für sich gewesen. Doch in diesem Moment machte ich mir ernste Sorgen um ihn.
„Jetzt hau endlich ab!“, polterte eine tiefe Stimme aus dem ersten Stock. Ich schnappte mir den Korb und schleppte ihn zur Tür. Erst als ich sie lautstark ins Schloss geworfen hatte, stellte ich die Tonnen wieder ab. Ich hätte früher mehr mitarbeiten sollen, dann würden mir solche kleinen Lasten nicht so schwer fallen.

Behutsam öffnete ich die Tür zum Schlag, zwängte mich hindurch und stellte der Korb in eine Ecke. Die Hühner sprangen aufgeregt von einer Wand zur anderen, flatterten verzweifelt mit ihren Flügeln und traten sich dabei gegenseitig auf die Köpfe. Aus verstörten Augen blickten sie mich an und begannen sich an die hinterste Wand zu drücken. Ich wartete einen Moment, bis sie sich ein wenig beruhigt hatten dann glaubte ich ein paar Eier aus den Nestern.
Katha hatte wohl Recht, ein besonders erfüllendes Leben konnte die Tiere in diesem Käfig kaum haben. Er war so eng bemessen. Ich versuchte mit vorzustellen auf solchem Raum mit meiner eigenen Familie zu leben. Gruselig. Hastig schüttelte ich den Gedanken ab und konzentrierte mich erneut auf die Hühner. Eins für Nayeli. Ich sah zwischen den Tieren hin und her. Für Nayeli.
Ein Huhn flatterte aufgeregt gackernd hinter den anderen herum. Hermina würde es nicht mögen, wenn ich ihr die dickste Henne nahm, aber ein lebhaftes Tier wie dieses konnte ich nicht zurücklassen. Mit einem Satz hechtete ich darauf zu. Alle Hühner zerstoben zu den Seiten und ich krachte geradewegs mit dem Kopf gegen das Holz. Die Länge des kleinen Raumes hätte ich bedenken sollen. Mir den Schädel reibend setzte ich mich auf und sah mich um. Das Gackervieh war mir entwischt! Aber das letzte Wort war noch nicht gesprochen.
Wie ein Raubtier umkreiste ich es nun. Es schien zu ahnen, was ihm blühte, doch es entkam mir nicht. Nicht dieses Mal. Mit einem mehr oder weniger gekonnten Griff schloss ich es in die Arme und hinderte es am Fortkommen. Was mich jedoch wunderte: Das Huhn wehrte sich nicht. Als ich es zögerlich losließ, wusste ich auch warum. Ein Körper fiel plump zu Boden und blieb dort reglos liegen.
Mir fiel fast die Kinnlade aus dem Gesicht. Unweigerlich musste ich an den Frosch denken. Tot. Einfach so. Ich kniff die Augen zusammen und atmete einen Moment durch. Als ich sie wieder öffnete, lag dort vor mir ein totes Huhn. Ysara bei mir! Was ging hier vor sich? Das konnte kein Zufall sein. Das konnte niemals Zufall sein!
Vorsichtig tippte ich das Huhn an. Drehte es auf die Seite. Mit einem Mal begann es mit den Flügeln zu schlagen und schrecklich erbärmlich zu schreien. Unter Schmerzen versuchte es auf die Beine zu kommen und wurde dabei immer schwächer. Seine Tritte ließen nach, die Flügelschläge wurden langsamer. Ich saß daneben, vollkommen entgeistert, und konnte nur beobachten, wie es vor meinen Augen starb, auf grausamste Weise. 


Ich hatte eine relativ genaue Vorstellung des Wohnraums. Es ist zwar nur Geschmier - schnell gezeichnet und man muss dazu sagen: Außer bei Menschen habe ich ohnehin nicht besonders viel Talent - aber ich wollte euch gern an dem Bild in meinem Kopf teilhaben lassen.


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