Cerens Welt - Kapitel 4.1*




Lina kam auf mich zugelaufen, freudig winkend und mit einem Lächeln auf den Lippen. Ihr langes Haar flog hinter ihr her. Die Stoffe ihres Rockes schmiegten sich um ihre langen Beine. Sie kam immer näher, bis sie schließlich erschöpft und nach Luft schnappend vor mir Halt machte.
„Wo warst du denn?“, fragte sie schnaufend zwischen zwei Stößen warmer Luft, „Ich habe dich ewig nicht gesehen.“
Erwartungsvoll sah sie zu mir auf. Wie könnte ich diesem Blick je widerstehen? Verlegen kratzte ich mich am Hinterkopf, versuchte ratlos zu wirken.
„Ich war doch hier.“
Strafende Blicke trafen mich wie Pfeilspitzen und ich ließ den Arm sinken. Traurig blickte ich sie an, bevor ich sie zu mir zog und in die Arme schloss.
„Es tut mir leid, Lina, aber ich kann nicht.“
„Was kannst du nicht?“
Wieder sah sie zu mir auf. Ihr zierlicher Körper verschwand förmlich in meiner Umarmung und doch war ihre Wärme das beruhigendste Gefühl, das ich kannte. Ich drückte sie fester an mich, legte meinen Kopf auf ihrer Schulter ab und sog sanft den milden Duft ihrer Haut ein. Sie roch, als hätte sie noch eben in einem Blumenfeld gelegen.
„Ich kann dir nicht mehr alles erzählen.“
Vorsichtig löste sie sich aus meinem Griff und trat einen Schritt zurück. Sie wirkte erstaunt und etwas enttäuscht. Ihre Hand bewegte sich dennoch langsam auf mich zu, berührte mich sanft wie eine Feder und legte sich schließlich schützend auf meine Wange. Ich legte meine Hand über die Ihre und drückte mein Gesicht näher daran.
Ruhe überkam mich. Eine Ruhe die ich die letzten Tage nicht gekannt hatte. Sie umgab mich mit einer Leichtigkeit von tanzenden Schneeflocken. Sie vernebelte meine Sinne und ließ mich alles vergessen.
Beinahe hätte ich den Grund meiner Niedergeschlagenheit vergessen. Doch Linas schreckhaftes Zusammenzucken als ich ihren bloßen Arm berührte, erinnerte mich daran. Ich wich reflexartig von ihr zurück. Ihr Blick verriet, dass ich einen sehr ungewöhnlichen Ausdruck im Gesicht haben musste. Sie wirkte zunehmend besorgt.
Fast beiläufig rieb sie sich die verletzte Stelle, wobei ich einen Blick darauf erhaschen konnte. Sie war rot angelaufen. Stolpernd wich ich zurück.
„Es tut mir leid!“, schrie ich und rannte davon. Ich rannte und hörte nicht auf zu rennen. Immer weiter in eine Richtung, irgendeine. Meine Füßen mussten wissen wohin ich mich für gewöhnlich flüchtete, denn sie trugen mich direkt zum Ufer des Tiefgrunds. Dort verweilte ich jedoch nicht, sondern schwang mich auf den höchsten Baum in der Nähe und kletterte am Stamm, zahlreichen Verzweigungen, Ästen und Zweigen hinauf, bis ich im dichten Grün der Baumkrone verschwunden war. Erst dort hielt ich inne und atmete durch.
Ich hatte Lina verletzt! Tagelang hatte ich mich in meinem Zimmer eingesperrt und darüber gegrübelt, wie ich mit den Ereignissen umgehen sollte. Ich konnte und wollte nicht wahrhaben, was ich gesehen, getan hatte. Und will es noch nicht. Doch Lina hatte mich aus der Trance gerissen und in die Wirklichkeit katapultiert. Ich war gefährlich! Für jeden hier. Jeden.


* An alle verwirrten Gesichter: Jaaa, da soll 4.1 stehen. Warum? Weil die Geschichte nicht nur von Ceren handelt. Parallel schreibe ich Kapitel aus der Sicht der Volumner (Kannibalen/Monster), die sich mit den Ceren Kapiteln abwechseln und NICHT im Blog erscheinen. Ganz einfach weil die Geschichte mal verlegt werden soll, wenn fertig und Verlage es nicht so gerne sehen, wenn die komplette Story (allein schon große Teile) irgendwo vorveröffentlicht sind. Vielleicht wird selbst das, was wir hier gemeinsam schreiben schon zu viel sein, aber das wird sich zeigen. 
Also zur Übersicht: Alle geraden Zahlen (2, 4, 6, usw.) werden voraussichtlich unsere Gemeinschaftskapitel sein und alle ungeraden Zahlen (3, 5, 7, usw.) werden den nicht veröffentlichten Kapiteln vorbehalten.

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