mop Geschichtenliebe: Cerens Welt - Kapitel 4.2

Cerens Welt - Kapitel 4.2




Seufzend sackte ich auf dem mächtigen Ast zusammen und lehnte mich an den Stamm. Meinen Gedanken kreisten um mich herum, als stünde ich neben mir und würde beobachten, wie ich dort saß, ein Haufen Elend, der Verzweiflung schon lange nicht mehr nur nahe. Als könnte ich sehen, wie die Tränen feucht glänzend über meine Wangen liefen, was ich niemals hätte zugeben können. Als könnte ich mir beim Durchdrehen Gesellschaft leisten.
Ich kniete mich neben mich und sah mich an. Ein erbärmlicher Wicht war ich, wie ich da kauerte und in Selbstmitleid versank. Ich konnte nur Abscheu für mich empfinden, denn Mitleid hatte ich bereits selbst genug mit mir. Am liebsten hätte ich mir links und rechts eine verpasst, doch etwas hielt mich davon ab.
Du stümperhafter Narr!
Erschrocken blickte ich auf. Wer hatte das gesagt? Hier war niemand! Hier konnte niemand sein! Keiner war mir gefolgt und keiner wagte es diesen Baum zu erklimmen. Woher kam diese furchterregende Stimme?
Es ist deine Schuld!
Wieder! Schon wieder! Was sollte das? Ich lehnte mich über meinen Ast hinaus und spähte nach unten. Dort war niemand zu sehen. Keine Menschenseele.
„Findet ihr das lustig? Verschwindet gefälligst!“, schrie ich wie im Affekt nach unten und war selbst erstaunt über die Wut in meiner Stimme.
Wieder musste ich an Linas verwirrtes Gesicht denken, ihre warme Hand und die rote Stelle an ihrem Arm. Was war nur los mit mir? Irgendetwas war falsch! So schrecklich falsch! Ich hätte Lina niemals etwas tun können. Nie! Und doch hatte sie eine Verletzung von mir davon getragen. Und dieser Frosch, das Hühnchen. Sie waren tot! Einfach so. Warum? Ich wollte das alles nicht. Doch ich konnte nichts dafür. Ich hatte nichts getan.
Das glaubst du doch selbst nicht. Es ist deine Schuld, allein deine!
„Hör auf!“, schrie ich verzweifelt, „Lass mich in ruhe!“
Zitternd kauerte ich mich zusammen, klemmte den Kopf zwischen die Beine und hielt schützend die Arme darüber. Niemand war hier! Niemand konnte mich finden. Niemand konnte mir etwas anhaben. Ich war allein. Ganz allein.
Du bist nicht allein.“
Ich zuckte zusammen, unterdrückte ein Schluchzen, hielt einen Moment inne.
„Kannst du meine Gedanken lesen?“
Stille.
„Wer bist du?“
Stille. Ich atmete schwer. Ein bebendes Gefühl durchzog meinen Leib.
Ich bin du. Du bist ich.“
Mein Herz setzte einen Schlag aus. Ich sah auf. Da war niemand, noch immer nicht. Vorsichtig hob ich meine Hände vors Gesicht, um sie zu betrachten. Sie zitterten. Doch ich spürte es nicht.
„Wie kannst du ich sein, wenn ich ich bin?“
Die Worte flossen aus meinem Mund, vollkommen ohne jede Bedeutung. Ich. Das war ich. Nur ich. Und sonst kein anderer. Nicht wahr?
Sieh dich an. Du bist ein jämmerlicher Narr. Naiv. Und voller Selbstleugnung. Sieh dich an, du bist ich und ich bin du. Wir sind eins.“
Mein Körper begann zu zucken. Meine Hände griffen nach einem Ast, umklammerten ihn. Meine Beine stießen sich vom Grund ab. Mein Körper kletterte den Baum wieder hinunter; ohne mich. Ich sah zu, wie er fort ging. Er verließ mich. Oder war es mein Verstand? Kopfschüttelnd sah ich mir nach. Unten angekommen, trat mein Körper zum Ufer und beugte sich darüber. Er sah mich an und ich sah ihn. Plötzlich stand ich neben mir. Befand mich wieder in mir. Ich war wieder ich. Doch wer war ich bis dahin?
Du und ich, wir teilen uns diesen Körper. Wir teilen uns die Gedanken, die wir denken, die Erinnerungen die wir haben, die Erlebnisse, das Essen, wir teilen uns alles. Denn wir sind eins.“
„Aber du bist nicht ich. Du bist nicht wie ich“, erwiderte ich. Jemand lachte kehlig und voll boshafter Leidenschaft.
„Da hast du Recht.“
„Sag mir, wer bist du?“
Ich sagte doch, ich bin du. Aber ich bin nicht wie du. Ich bin der, der tötet. Du bist der, der es nicht wahrhaben will.
Mein Spiegelbild im Wasser blickte mich selbstgefällig an. Ein Grinsen trat auf seine Lippen. Er leckte sich das Maul, wie ein gieriges Raubtier, das seine Beute in der Falle hatte. Ein Jäger, ohne Erbarmen.


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