mop Geschichtenliebe: Cerens Welt - Kapitel 4.5

Cerens Welt - Kapitel 4.5




Er reagierte kaum auf sie, starrte sie nur mit leeren Augen an. Sie war nicht sicher, ob er sie überhaupt sehen konnte. Stolpernd wackelte er neben ihr her, halb von ihr in Richtung seines Hauses gezogen, wo sie ihn letztendlich auch ablud. Sie drückte die schwere Tür auf und bugsierte ihn auf einen Stuhl.
„Lina.“
Sie sah ihn an. Stillschweigend.
„Lina es tut mir leid.“
Tränen flossen über seine Wangen.
„Ich weiß nicht mehr weiter Lina. Ich werde verrückt. Da ist diese Stimme. Sie ist überall. Immer. Sie verfolgt mich. Sie sagt, sie wäre ich. Lina.“
Er sah sie flehend an. Seine Augen wurden feucht und mehr Tränen lösten sich aus ihren Winkeln. Lina versuchte zu ignorieren, was er gesagt hatte, doch es fiel ihr zunehmend schwer. Er schien dem Wahnsinn verfallen. Sie konnte dieses Szenario nicht länger mit ansehen. Hals über Kopf stürzte sie aus dem Haus.
Versucht ihre Fassung wieder zu erlangen, kehrte sie zum Fest zurück. Unbewusst legte sie wieder eine Hand auf ihre Verletzung, die sie mittlerweile unter langen Ärmeln verbarg.
„Was ist das denn, Lina Liebes?“, fragte jemand empört.
„Gar nichts!“
Emmet tauchte neben ihr auf und legte einen Arm um sie. Lina stand völlig neben sich und sah ihren Großvater nur verwirrt an. Er starrte ernst in die Menge, die nun auf die beiden zukam. Besorgte Gesichter beäugten die beiden. Erst da fiel ihr auf, dass sie den Ärmel so weit nach oben geschoben hatte, dass der Ausschlag zu sehen war. Er hatte sich mittlerweile über ihren kompletten Unterarm ausgebreitet.
„Das ist nicht nichts. Wir sehen es doch.“
„Sie hat sich den Arm geprellt“, beharrte Emmet eisern. Doch niemand schenkte ihm Glauben. Weshalb auch. Das was Linas Arm zierte, war offenkundig nicht das Ergebnis einer lapidaren Prellung.
„Was hast du mit dem Mädchen gemacht?“
Erboste Blicke trafen ihren Großvater. Der jedoch blieb eiskalt und reagierte erst gar nicht auf den Vorwurf. In Lina jedoch kochte die Wut auf.
„Was wagt ihr da zu behaupten?“, schrie sie, „Lasst Großvater Emmet in Frieden! Mein Leben lang sorgt er schon für mich, beschützt mich und ist immer da, wenn ich ihn brauche. Mehr als ihr alle zusammen. Ihr solltet euch schämen ihm etwas derartiges zu unterstellen!“
Entsetzt und vollkommen fassungslos blickten ihre Mitmenschen sie an. Offene Münder und geweitete Augen gafften ihr entgegen. Hatte sie tatsächlich geschrien? Lina, das unscheinbare Mädchen von nebenan. Das wagte niemand so recht zu glauben und doch war es so.
Nach einer unendlich langen Stille, die erdrückender war als alles Gewicht dieser Welt, wagte es jemand sich zu äußern. Die von Natur aus misstrauische Hermina trat vor.
„Wenn er es nicht war, woher stammt diese Verletzung? Dass das keine einfache Prellung oder der gleichen ist, sieht selbst ein Narr.“
Lina wandte betroffen den Blick ab.
„Sie schuldet euch keine Rechenschaft. Schert euch um eure Angelegenheiten“, erwiderte Emmet trocken.
„Das Wohl unserer Leute ist sehr wohl unsere Angelegenheit!“
Kaibert durchbohrte ihn geradezu mit seinem Blick. Doch Emmet ignorierten auch ihn. Stattdessen zog er Lina an sich und nahm sie mit nach Hause. Erst als sie den anderen die Rücken zugewandt hatten, hörte Lina auf, ihre Gefühle zurückzuhalten.
„Ysara mit dir, Kleines, denk immer daran, sie wacht über uns“, flüsterte Emmet ihr beruhigend zu. Doch ihre Tränen konnte er nicht aufhalten.


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