mop Geschichtenliebe: Cerens Welt - Kapitel 4.8

Cerens Welt - Kapitel 4.8




„Was sollen wir tun? Wie lange hast du diese Verletzung schon? Sie muss doch verheilen.“
Lina sah mich an, Trauer lag in ihren Augen. Ich musste es wissen. Ich musste wissen, wie lange es her war, denn ich hatte es ihr zugezogen und doch fragte ich. Seufzend senkte ich den Kopf.
„Es wird vergehen. Vielleicht, vielleicht war es sogar positiv, was gerade passiert ist.“
Wie konnte Lina nur immer so optimistisch sein. Ich wünschte, ich könnte ein bisschen mehr so sein, wie sie es war. Ich betrachtete das Blut, das ihren Arm hinunter floss, langsam und versiegend.
„Sollen wir es verbinden?“
„Ja. Ja das ist eine gute Idee.“
Ich brachte sie nach Hause und half ihr dabei, die Wunde zu säubern und einen Verband anzulegen. Es war still um uns herum. Zu still. Das Schweigen der Welt schien mich zu erdrücken und Linas bedrückter Blick war es, der mir die Kehle zuschnürte. Und doch zwang ich mich, dort zu bleiben, bei ihr und ihr beizustehen.
“Ceren.“
Sie sah zu mir auf.
„Lass uns nicht daran denken. Lass uns weitermachen wie bisher, als wäre das alles nie geschehen.“
Es lag so viel Hoffnung in ihrem Blick. Hoffnung darauf, dass sie Recht haben möge, dass es funktionieren könnte. Ich konnte es ihr nicht versagen. Und doch sagte etwas tief in mir, dass es unmöglich war, zurückzukehren. Ich nahm Lina in meine Arme und zog sie zu mir.
„Wir werden es versuchen“, flüsterte ich ihr zu und sie umfasste meinen Arm, wie zum Dank und drückte mir einen sanften Kuss auf die Hand.
„Du solltest gehen.“
„Ja.“
Der Himmel verdunkelte sich, die Wolken zogen zu und verwehrten der Sonne jeden Kontakt zu uns. Grau mischte sich mit Schwarz. Die Luft wurde schwer. Insekten und Vögel flogen schlagartig tiefer. Ein Hase hoppelte über den Dorfplatz, auf der Flucht.
Ich beeilte mich nach Hause zu kommen. Hinter mir ertönte ein lautes Grollen und kurz darauf wurde die Welt erhellt von gleißend weißem Licht. Jedoch nur für einen Augenblick.
Ich konnte mich gerade noch unter das Vordach retten, bevor Ysaras Tränen sich wie aus Fässern über unseren Köpfen ergossen. Sie war launisch dieser Tage. Eine Moment noch verweilte ich, beobachtete das Wasser beim Fallen und die Lichter beim Zucken durch die dichten dunklen Wolken. Dann begab ich mich ins Haus.
„Sind alle hier?“, fragte ich beiläufig. Nayeli drängte sich, wie gewohnt, an den Kamin. Mutter und Vater saßen bei Tisch und unterhielten sich mit Großvater Aron. Sie sahen nur kurz auf, als ich eintrat.
„Ich denke schon.“
Doch im selben Moment hastete Katha die Treppe herunter und fragte vollkommen aufgelöst nach Josen. Der Junge sei nicht zu finden, jammerte sie. Vater versuchte sie zu beruhigen, fragte, wo sie Josen zuletzt gesehen habe. Sie und jeden anderen. Ich hatte ihn zuletzt gesehen, als man mich ins Kreuzverhör genommen hatte. Nayeli hatte wohl danach noch mit ihm gespielt. Doch wo er danach abgeblieben war, wollte niemand so recht wissen.
Allmählich begann ich mir Sorgen zu machen. Die Erwachsene starteten eine heftige Diskussion darüber, wo er denn gewesen war und wohin er hätte gehen können. Sie warfen sich gegenseitig vor, nicht auf meinen Bruder geachtet zu haben. Begannen sich vorzuwerfen mich ihm vorzuziehen in dieser Zeit, da ich wohl aus der Reihe zu tanzen schien. Beäugten mich und gaben mir die Schuld wegen meines Fehlverhaltens.
Je lauter es im Raum wurde und je mehr Stimmen laut wurden, die nur Anschuldigungen verlauten wollten, desto mehr schwappte der Zorn in mir über. Ich schrie.
„Seid ihr noch bei Sinnen? Euer Gezanke hilft Josen jetzt auch nicht weiter!“
Entgeistert starrten sie mich an. Großmutter Katha wirkte so verzweifelt, sie schien einem Zusammenbruch nahe. Nayeli hatte sich inzwischen unbemerkt nach oben geschlichen, um dem Geschrei zu entgehen und meine Eltern waren lediglich perplex. Ich konnte sie nicht verstehen. Diskutierten und stritten während mein Bruder dort draußen einem Sturm ausgesetzt war.
„Ich habe ihn aus dem Dorf laufen sehen. Von der Landzunge herunter, hinaus in die weite Ebene“, bemerkte Aron da mit kratzender Stimme und Zynismus im Ton.
„Warum hast du das denn nicht gleich gesagt?“
Ich war wütend.
„Schrei doch nicht so, Junge. Mein Gedächtnis ist nicht mehr, was es einst war.“
In seinen Worten schwangen Hohn und Belustigung mit. Großvater Aron war nie ein geselliger Zeitgenosse gewesen. Verärgert wandte ich mich von ihm ab und schritt zurück zur Tür.
„Was hast du vor?“, fragte Mutter Irena besorgt.
„Ihn holen, was sonst.“
Ein Knallen. Ich war fort.


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