mop Geschichtenliebe: Cerens Welt - Kapitel 4.10

Cerens Welt - Kapitel 4.10



Mit rasendem Herzen stolperte ich rückwärts, verlor den Halt und rutschte ab. Meine Hand verlor sich im Nichts und griff verzweifelt nach einem rettenden Ast, den es nicht gab. Ich prallte mit dem Rücken auf das harte Holz. Die Rinde riss an meiner Kleidung und Haut. Reflexartig winkelte ich die Knie an, um mich noch irgendwie zu halten. Letztlich hing ich mit nur einem Bein, das eingeklemmt zwischen Ästen und Zweigen Sicherheit suchte, in der Baumkrone. Unter mir klaffte der Abgrund. Ich war hoch geklettert. Um so tiefer blickte ich nun. Ich und Ysaras Tränen die wütend zu Boden schossen.
Der Sturm zerrte an meinem Baum, dem Ast und meinem Körper. Ich hatte Mühe nicht abzurutschen. Zu meinem Pech war jedoch kein einziger Ast in Reichweite. Ich konnte mich nirgends festhalten, mich nicht auf sicheren Grund begeben. Hastig suchte ich mein Umfeld ab. Irgendwo. Irgendwo musste es doch etwas geben!
Direkt unter mir erstreckte sich ein mächtiger Ast. Er war weit entfernt. Zu weit. Doch ich rutschte immer weiter ab und meine Kräfte begannen mich zu verlassen. Also kniff ich die Augen zusammen und ließ ab. Wind und Wasser schnellten an mir vorbei und erst im Flug öffnete ich die Augen wieder. Ich streckte Arme und Beine von mir, in der Hoffnung wenigstens mit einem davon den Ast zu erreichen. Er kam auf mich zu. Schneller. Und ich machte mich bereit ihn zu umklammern.
Die Luft wich mir stoßartig aus den Lungen. Stechender Schmerz durchzog meinen Bauch. Ich fühlte mich schwach, als die Welt an mir vorüber zog. In einem harten Aufprall vermischten sich Schmerz und Angst zu einem trüben Brei in meinem Inneren.
Du bist so töricht, zu denken, dass du etwas bewirken könntest. Dachtest du tatsächlich unser Bruder wäre hier draußen?
Meine Augen starrten verloren gen Himmel. Sie sahen nur die verschwommenen Umrisse eines Blättermeeres das sich schwarz im Wind wiegte. Hinter ihm tobte in grauer Distanz der Weltuntergang.
Du hättest nicht hier her kommen sollen.
Träge fielen mir die Augenlider zu. Sie waren schwer. So schwer, dass ich sie nicht wieder anheben konnte. Die Welt wurde schwarz. Die Baumkronen verschwanden. Der Weltuntergang toste nur noch in meinen Ohren.
Das wird dein Ende sein.
Nasse Halme strichen an mir entlang, peitschten mir ins Gesicht. Sie umgaben mich. Vollends. Wie eine schützende Wand, eine Mauer, ein Wall.
Hör mir zu. Vertraue mir, sonst wirst du sterben.

„He, Junge!“

Mein Leib wurde geschüttelt, als wütete ein Erdbeben unter mir. Das musste es sein. Die Erde tat sich auf, um sich selbst zu verschlingen. Hungrig wie ein Raubtier. Immer weiter. Es rüttelte und zerrte an mir. Unaufhörlich. Lange Zeit. Zu lange Zeit, in der ich nicht fiel. Ich wurde nicht hinabgezogen in die Tiefen der Welt. Und es war ruhig geworden. Nur ein metallisches Scharren war zu hören. Wärme brannte mir im Gesicht. Nicht nass. Wo war der Regen geblieben? Der Wind?
Panisch riss ich die Augen auf. Ich hockte auf, griff nach etwas vor mir. Hastig sog ich alle Luft ein, die ich bekommen konnte. Ich wollte leben. Ich wollte nicht mit der Welt untergehen.
Nichts von alledem geschah. Als ich zu mir kam, sah ich langsam die weite Ebene an mir vorüberziehen. Das große Meer aus Gras wogte sanft im gleißenden Licht der hohen Sonne. Direkt vor mir hinterließ es Spuren. Zwei schmale Streifen niedergedrückten Grases. Wo war ich? Was war hier los? Und wo war Josen?!
„Endlich wieder wach? Du hast geschlafen wie ein Stein, auf nichts reagiert. Ich dachte schon du wärst tot.“
langsam wandte ich mich nach hinten um. Dort saß ein beleibter Mann auf einer hölzernen Erhebung. Seine Kleidung war ungewöhnlich farbig, knall rot und er trug einen ungewöhnlichen Hut. In den Händen hielt er Zügel. Was war geschehen?


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