mop Geschichtenliebe: Cerens Welt - Kapitel 4.9

Cerens Welt - Kapitel 4.9




Es waren Donnergrollen und Lichter, die die Luft um mich erfüllten. Sie nahmen alles ein. Den Himmel. Die Erde. Mich. Und meine Gedanken. Ysaras Tränen prasselten und klatschten mir ins Gesicht. Fast schon schmerzte es. Jedoch nicht so sehr, wie der Gedanke, dass mein kleiner Bruder irgendwo dort draußen war.
Ich verließ das Dorf, entgegengesetzt der Richtung des Tiefgrund. Hinein in die weite Ebene. Das Gras klebte nass an meinen Beinen mit jedem Schritt, den ich daran vorbei zog. Die Wassermassen drückten es regelrecht zu Boden, das sonst hüfthohe Meer aus Grün.
Lange schon lag das Dorf hinter mir, war fast außer Sicht. Nur der dumpfe Schein von Feuern, Kaminen und Kerzen der sich aus den Fenstern drückte und über den Dächern schwebte, war noch zu sehen. Der Wind peitschte Regen und Gras unter seinem Willen in alle Richtungen und zerrte ebenso an meinem Leib. Doch ich setzte stur einen Fuß vor den anderen.
Meine Glieder bebten. Die Zähne klapperten unaufhörlich, schlugen stetig aufeinander. Ich schlang die Arme um mich selbst und kämpfte gegen Wind und Kälte an. Mir blieb keine Zeit zu zweifeln. Keine Zeit über mein Vorhaben nachzudenken.
Vor mir breitete sich ein gigantischer Baum aus, der von einigen kleineren umringt war. Seine Blätter hielten sich hartnäckig an ihren Zweigen, weigerten sich loszulassen. Ebenso wie die Zweige an ihren Ästen verharrten. Auch sie hatten es nicht leicht. Müde stapfte ich darauf zu und suchte Schutz hinter dem mächtigen Stamm. Vier Menschen hätten dahinter Platz gefunden, ungeachtet des Sturms. Erschöpft ließ mich gegen das Holz sinken und versuchte einen klaren Kopf zu fassen.
Wo konnte Josen sein? Bei diesem Wetter konnte er sich unmöglich auf der Ebene aufhalten. Er musste irgendwo Unterschlupf gesucht haben. Nur wo?
Ich atmete ein paar mal tief durch, bevor ich mich erhob und um den Baum herum schob. Josen war nicht hier. Ich suchte die Krone nach ihm ab, vergebens. Der Wind warf mich hart zurück, als ich einen Schritt von meiner schützenden Mauer fort machte. Stöhnend wälzte ich mich herum, versuchte mich aufzurappeln.
„Josen!“
Der Wind verschluckte meine Worte, ganz als hätte ich unter Wasser gesprochen.
„Josen! Wo bist du?“
Donner übertönte mich. Gleich gefolgt von einem Blitz so hell, dass ich für einen Augenblick geblendet war. Ich watete zum Baum zurück, suchte Halt.
„Josen! Bruderherz!“
Doch ich hörte mich selbst kaum rufen. Einen Fuß vor den Anderen setzend, schlug ich mich zu den kleiner Bäumen durch. Die Baumkronen fest im Blick, suchte ich nach Anzeichen meines Bruders. Doch auch dort nichts. Es gab keinen Ort in der Nähe, der genügend Schutz bot, um diesen Sturm zu überstehen. Die Berge waren weit entfernt. Nur flaches Grasland war hier zu finden. Vereinzelt ein paar Bäume, wie die, die ich fand. Selbst der Wald war einen langen Marsch weit weg.
Wieder sah ich an dem Baum hoch, an dem ich mich hielt. Kurzerhand beschloss ich, daran hinauf zu klettern. Vielleicht konnte ich von der Spitze aus etwas entdecken. Mit einem Schwung hing ich am nächsten Ast und wurde sogleich vom Wind wie ein Pendel geschwungen. Mühsam zog ich mich nach oben und ruhte im Sitzen aus.
Es waren einige Mühen nötig um im Schutz der Blätter in die Baumkrone zu gelangen. Der Wind peitschte auch hier wie ein wild gewordener Eber, doch den Regen konnten sie etwas abhalten. Vorsichtig beugte ich mich vor, um die Aussicht zu nutzen. Doch in alle Richtungen konnte ich nur dunkle Halme erkennen, die im Wind fegten. Hin und wieder erhellt vom Licht des Himmels.
Seufzend ließ ich mich nieder. So würde ich Josen nie finden. Ich schloss die Augen und versuchte mir vorzustellen, wo er sein könnte. Ich dachte an all die Abenteuer zu denen ich ihn überredet hatte. All die gefährlichen Spielchen. Er war in einem Hasenbau stecken geblieben und beinahe erstickt, bei dem Versuch ein Kaninchen herauszuziehen. War vom höchsten Baum des Tiefgrund gestürzt, weil ich mit ihm gewettet hatte, er würde es nicht bis ganz oben schaffen. Bis auf den Grund wollte er tauchen. Er hätte es wohl geschafft, hätte ich ihn nicht vorher wieder herausgefischt.
Wieder seufzte ich. Was war ich nur für ein Bruder. Josen, wo konntest du nur sein. Erschrocken zuckte ich zusammen. Fast wäre ich selbst vom Baum gestürzt. Ein ohrenbetäubendes Grollen schlug direkt neben mir in den Boden ein. Einen Moment lang war ich taub, konnte weder Donner noch Wind hören. Die Welt um mich herum war in Rage und doch so friedlich.
Vorsichtig balancierte ich den Ast entlang, suchte nach der Ursache dieser Stille. Der Baum nebenan stand in Flammen, die widerspenstig am nassen Holz züngelten. Ein Teil des Stammes war abgespalten und krachte knarrend und polternd auf die Erde. Nur langsam löschte der Regen die vielen kleinen Feuerchen, die schwarze Kohlen im Holz hinterließen.
Das Herz raste mir bis zum Hals, pochte in meinen Schläfen und Handflächen. So nah. So unglaublich nah. Es hätte mich treffen können.


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