Cerens Welt - Kapitel 6.1






„Wo bin ich? Wer bist du?“
In meinem Kopf drehte sich alles und die Gedanken kreisten.
„Auf meinem Karren, siehst du das denn nicht?“
„Warum? Was ist passiert?“
„Woher soll ich das wissen? Hab dich heut morgen auf der Ebene gefunden, neben einem gespaltenen Baum, den hatte wohl ein Blitz erwischt. Sah aus als hättest du den Sturm da überdauert. Ziemlich dämlich wenn du mich fragst.“
Sturm? Grelles Licht erschien vor meinen Augen. Ich sah einen Blitz direkt neben mir in einen Baum einschlagen. Der Boden verschwand unter mir. Ich fiel.
Du erinnerst dich.“
„Was?“
„Hast du was gesagt, Kleiner?“, murmelte der Mann über die Schulter. Ich sah mich um. Woher kam diese Stimme?
Erinnerst du dich daran, was passiert ist?
Diese raue Stimme, sie hallte krächzend in meinem Kopf wieder. Immer wieder und wieder. Hörte ich Geister? War ich verrückt? Der Mann begann bereits mich aus den Augenwinkeln zu beäugen.
„Was soll denn passiert sein?“, flüsterte ich so unauffällig wie möglich.
Du weißt es also doch nicht mehr. Gut. Sehr gut.“
„Was! Was soll ich wissen?“, erwiderte ich energisch. Etwas zu energisch. Der Kutscher wandte sich um und widmete mir einen schiefen Blick.
„Was weißt du denn so spannendes?“, fragte er mit einer Mischung aus Neugier und Abschätzung. Ich senkte den Blick. Was war hier los? Wer sprach da mit mir? Wer außer dieser dubiosen roten Gestalt auf dem Kutschersitz?
Du hast mich wirklich gut verdrängt, Ceren.
„Sei still!“, mahnte ich die Stimme, woher auch immer sie kommen mochte. Dann versuchte ich dem Mann zu antworten.
„Nichts, das ist es ja“, sagte ich zu ihm, etwas trotzig.
„Kannst du dich an nichts erinnern? Wie heißt du?“
„Ceren“, antwortete ich, „Doch. Nur nicht an das, was gestern passierte. Ich sehe nur ständig diesen Sturm vor mir und die Blitze, die in den Boden einschlugen. Alles andere ist fort.“
„Was hast du da draußen vorgehabt?“
„Ich wollte meinen Bruder suchen. Er ist verschwunden.“
Meine Stimme brach beim letzten Satz ab und verlor sich in Stille. Josen. Ich konnte nur hoffen, dass es ihm gut ging. Seufzend und anschließend tief durchatmend erhob ich mich. Ich musste aufpassen bei all dem Gerüttel nicht vom Wagen zu stürzen. Bedacht balancierte ich nach vorne.
„Darf ich?“
Der Mann nickte und ich nahm neben ihm Platz. Ein paar ungewöhnliche Pferde waren vor seinen Karren gespannt. Ihr Fell war rot, fast schon leuchtete es. Sie galoppierten voller Eleganz vor uns her und zogen dabei all die Last, dieses beleibten Mannes und eines großen hölzernen Karrens.
„Wohin fahren wir?“
„In mein Dorf. Ich muss mal wieder einen Zwischenstopp einlegen.“
„Zwischenstopp?“
„Ich bin Händler, fahre durch das ganze Land. Da bin ich nicht viel bei meiner Familie.“
Er seufzte.
„Lange kann ich aber nicht bleiben. Ich werde wohl nur hallo sagen, Waren aufladen und direkt weiterfahren. Kann dich ja mitnehmen, wenn du willst. Vielleicht fahr ich ja in deine Richtung. Wo kommst du überhaupt her?“
„Vom Tiefgrund.“
„Ha, schönes Fleckchen Erde. Warst ja ziemlich weit weg von Zuhause. Jetzt bistes noch mehr.“
Er lachte prustend aus und beobachtete meine Reaktion. Noch weiter.
„Wo liegt dein Dorf?“
„Im Südosten. Bei Thalbrunn. Ziemliches Stück Weg. Wir sind auch schon ne Weile unterwegs. Wie gesagt, du hast geschlafen wie ein Stein.“
„Thalbrunn. Ist das nicht in der Nähe der Stadt?“
Er nickte stumm.
„Ich habe gehört, du Arhun sollen da unten ihr Unwesen treiben.“
„Wer weiß, wer weiß. Man sagt so vieles über diese Biester. Wir werden ja sehen, was man sagt, wenn wir bei meiner Frau sind.“
„Wird wohl so sein“, murmelte ich. Ich hatte ein ungutes Gefühl bei der Sache. Zwar konnte ich nicht sagen, woher es kam, doch mein Unterbewusstsein gab mir zu verstehen, dass es nicht gut war, in diese Richtung zu reisen. Doch welche Wahl blieb mir im Moment. Ich war viele Ints von Tiefgrundwacht entfernt und hatte nicht die Möglichkeit allein zurück zu kommen. Also lehnte ich mich zurück und versuchte die Sonne zu genießen.
Die Landschaft hier unten war ganz anders, als bei uns. Die Ebene war weit und schien unendlich. Die Berge waren hier nur ein wager Schatten am Horizont und Bäume gab es weit und breit keine. Ich glaubte sogar in der Ferne die Umrisse der Stadtmauern sehen zu können.


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