Cerens Welt - Kapitel 6.3




Als wir jedoch endlich unser Ziel erreichten, bot sich uns ein Bild des Grauens. Ich konnte mich nicht von diesem Anblick abwenden. Kasthamor selbst lief nur vollkommen verzweifelt zwischen den Trümmern hin und her. Die Trümmer der Häuser seiner Heimat. Vor uns lag ein Meer aus Stein, Asche, rußverschmierten und verbrannten Hausruinen und unzählige Leichen. Verbrannt. Verstümmelt. Zerfetzt. Zerfleischt. Völlig entstellt. Der Geruch von Rauch und Asche stieg mir in die Nase. Asche die vom Wind aufgewirbelt und zerstreut wurde. Dicht gefolgt vom beißenden Gestank verbrannten Fleisches und verwesender Körper. Unweigerlich musste ich husten und hielt mir die Nase zu. Fleisch war jedoch kaum übrig geblieben. Wer nicht gefressen wurde, war zur Unkenntlichkeit verbrannt.
„Ysara mit euch! Was ist hier geschehen“, brach es aus mir hervor.
„Nein. Nein, nein, nein. Nein!“
Kasthamor hingegen war außer sich. Er begann in den Trümmern eines Hauses nach Leuten zu suchen. Asche, Staub und Steine warf er achtlos hinter sich, beim Versuch jemanden oder etwas auszugraben. Ich war mir nicht sicher was mich mehr schockierte; das Elend das hier Einzug gehalten hatte oder diesen sonst so bodenständigen Mann in solch einer Verfassung zu sehen. Bei alledem konnte ich nur reglos daneben stehen und ihn anstarren. Ihn und all das.
Als er erkannte, dass er dort wo er grub nicht fündig wurde, begann er den Rest des Dorfes abzusuchen, jeden Int und jede Ahse. Es war grauenvoll mitanzusehen. Doch meine eigene Verfassung war nicht weniger beunruhigend. Meine Beine zitterten und wollten unter mir nachgeben. Meine Augen sahen zwar, doch mein Verstand wollte nicht begreifen.
„Arhun“, stammelte ich.
Kasthamors rote Gewänder hatten sich mittlerweile fast vollständig in schwarz-grau verfärbt und waren mit geronnenem Blut beschmiert, wo es noch welches gegeben hatte. Es dauerte eine unsäglich lange Weile, bis ich mich endlich wieder gefangen hatte. Bis ich meinen Körper unter meine Kontrolle bringen konnte. Wackeligen Schrittes ging ich schließlich auf den aufgewühlten Mann zu.
Ich legte ihm eine Hand auf die Schulter, die er gar nicht zu spüren schien. Ungeachtet derer schaufelte er einfach weiter. Ich bohrte meine Finger sanft in seine Haut, bis er mich endlich anblickte. Den Ausdruck in seinen Augen würde ich nie vergessen können. Er brannte sich in meine Seele.
„Kasthamor“, begann ich langsam und wog meine Worte weise, so weise es der Moment zuließ, „Lass sie uns bestatten, damit sie ihren Frieden finden können. Dabei kannst du sehen, ob du die findest. Und wenn nicht, wenn nicht, dann werden wir weiter suchen.“
Meine Stimme war leise und brüchig, ungewohnt rau und ich vermochte nicht ihm dabei in die Augen zu sehen. Doch er verstand. Langsam ließ er die Arme sinken, dann den Kopf. Er atmete flach und ruhig. Vielleicht sogar zu ruhig.
„Sind sie tot?“
Eine Frage auf die er wohl keine Antwort suchte.
„Komm nun“, sagte ich, „Sag, wie bestattet ihr eure Lieben? Ich konnte in der Nähe keinen See ausmachen.“
Er rappelte sich langsam auf, wobei massig Asche von ihm abfiel und sachte zu Boden rieselte. Nur langsam drehte er seinen massigen Körper träge in meine Richtung, den Kopf weiterhin gesenkt. Wie ein lebloser Körper gelenkt von Instinkten, frei von Glauben und einer Seele, stapfte er an mir vorüber.
„Fernab der Gewässer, begraben wir unsere Toten damit sie Eins mit der Natur werden. Nicht so wie die No, die ihre Toten den Bäumen und Geistern übergeben. Die Ahru, die ihre fleischlichen Hüllen verbrennen, um den Seelen eine unbeschwerte Reise zu bescheren. Wie die Teeru, die sie einfach auf den Straßen liegen und vermodern lassen.“
Abscheu und Hass lag in seinem Blick, doch die Stimme blieb ruhig. Ich konnte nicht anders, als mit ihm zu fühlen, wie er diese Worte sprach.

Körper um Körper sammelten wir aus den Trümmern zusammen und betteten sie ehrfürchtig in lange schmale Kuhlen, die wir zuvor ausgehoben hatten. Jeden von ihnen begutachtete der Mann voll Wehmut, gab ihm den ihm gegebenen Namen und verabschiedete sich von ihm, bevor wir sie letztendlich mit Erde überhäuften.
Kasthamors Frau und sein Sohn waren nicht unter den Toten. Zumindest nicht unter denen, die er noch erkennen konnte. Es erschütterte ihn zutiefst, all diese Leute zur letzten Ruhe zu betten. Noch mehr aber, nicht zu wissen, wohin der Inhalt seines Lebens gegangen war.
Es war ein Massengrab. Doch eines in Ehren. Wir stellten jedem von ihnen ein Kreuz aus Brettern oder Ästen zu Verfügung, die wir anfertigten. Als wir die Prozedur und Kasthamors Rituale beendet hatten, war die Sonne längst hinterm Horizont verschwunden und die Nacht über uns herein gebrochen. Zwei unserer Monde standen hoch am Himmel. Der große Weiße und der der Blaue leuchteten in all ihrer Pracht auf uns herab. Und der Violette begann bereits sich abzuzeichnen. Sie leiteten uns in dieser finsteren Nacht. Ich legte erneut eine Hand auf die Schulter des Mannes neben mir.
„Wir werden sie finden!“


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