Cerens Welt - Kapitel 6.4



Ich hatte Kasthamor überreden können, mit der Suche bis zum nächsten Morgen zu warten, wenn es hell wurde und wir auch sahen, wohin wir traten. Obwohl es mich einiges an Mühe und Nerven gekostet hatte. Jedoch hatte ich keinen Bedarf daran, im Dunkeln umher tappend auf einen Arhun zu stoßen. Zwar hatten sie Hohen Weide bereits hinter sich gelassen, doch konnten wir deshalb noch lange nicht sicher sein, dass sie wirklich aus der Gegend waren.
Kasthamor war lange schon vor mir wach gewesen, dabei schlug ich an diesem Morgen bereits die Augen auf, als die Monde noch über uns wachten. Womöglich hatte er keine Sekunde ruhen können. Ich wollte es ihm nicht verübeln, bei allem was wir am Tag zuvor sehen mussten.
Sobald der gebrochene Mann erkannte, dass ich aufgewacht war, sprang er auf und trat die Suche los. Er stellte sich demonstrativ neben mich und starrte mich an. Die Verzweiflung war aus seinem Blick gewichen und machte purer Entschlossenheit Platz. Voller Tatendrang führte er uns also aus dem Dorf heraus und durch die umliegenden Felder.
Es kam mir vor, als würden wir jeden Grashalm einzeln umdrehen, bevor wir einen Schritt weiter gingen. Es war eine Tortur. Doch ich hatte versprochen, ihm bei der Suche zu helfen und dieses wollte ich halten. Etwas das Vater mich schon sehr früh gelehrt hatte: Ein Mann steht zu seinem Wort.
Nie würde ich den Tag vergessen, an dem ich diesen Satz verinnerlicht hatte. Ich war ein kleiner Junge, jünger noch als Josen es jetzt war, und hatte mit Timoth eine Wette abgeschlossen. Schon damals liebte ich Herausforderungen und Mutproben. Also hatte ich zu ihm gesagt: Wenn du dich traust diese Bienenwabe von ihren Ast zu holen und den Honig zu essen, dann bekommst du mein Holzschwert. Das Schwert hatte ich zusammen mit Vater Akair selbst geschnitzt und dabei war ich mir so sicher, dass Timoth zu feige war.
Doch er war es nicht. Sein Gesicht war gerötet und geschwollen von Stichen, ebenso wie der Rest seines Körpers und sein Mund von klebrigem Honig verschmiert. Um ihn herum schwirrten noch ein paar einzelne Bienen, die ihn kein bisschen mehr zu interessieren schienen. Er ging nur triumphierend lächelnd – wenn man es ein Lächeln nennen konnte, was er mich seinen zugeschwollenen Lippen noch zu Stande brachte - auf mich zu und forderte seinen Tribut ein. Ich wollte mich weigern. Dieses Holzschwert bedeutete mir damals so unglaublich viel. Doch Vater Akair hatte die ganze Angelegenheit mitbekommen und mich ermahnt meine Schuld zu begleichen. Wenn es mir so viel bedeutete, hatte er schließlich gesagt, sei ich ein Narr es zu verspielen. Und er hatte Recht gehabt.
„Ceren!“
Ein Ruf, holte mich in die Gegenwart zurück. Ich eilte zu Kasthamor, um mir anzuhören, was er gefunden hatte. Er deutete besorgt auf den Feldweg vor uns. Eine beinahe getrocknete Spur dicker Blutlachen erstreckte sich über den Weg. Neugierig strich ich mit dem Finger durch eine der Lachen. Es war dickflüssig und klebrig und eine dünne Hautschicht wurde durchbrochen, als ich es berührte. Darunter leuchtete es noch immer rot.
„Denkst du, was ich denke?“
Kasthamor sah zu mir herunter und schenkte mir einen Blick, der mich fast schon erschaudern ließ. Ich unterdrückte diese Kälte und nickte ihm zu, während ich mich wieder erhob. Er hatte Recht. Egal wem dieses Blut gehörte, er hatte etwas mit Hohen Weide zu tun. Und wir mussten herausfinden was. Entschlossen folgten wir den Lachen, Pfützen und Flecken zu ihrem Ursprung.


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