Cerens Welt - Kapitel 6.5




Kasthamor war nicht länger zu halten, als er die zierliche Gestalt erblickte, die einige Ints von uns entfernt auf der Straße kniete. Wie im Rausch lief er auf sie zu, stolperte dabei fast über seine eigenen Füße. Etwas skeptisch folgte ich ihm nach und behielt dabei beide im Auge.
Die Frau kniete in ihrem eigenen Blut, den Kopf vornüber gebeugt, sodass lange schwarze Haare ihr Gesicht verbargen. Das Kleid das sie trug, schien einst weiß gewesen zu sein, doch war es längst von klebrigem Blut durchtränkt, das langsam zu braunen Krusten trocknete.
„Talia“, hörte ich Kasthamors Stimme dünn und gebrechlich. Die Frau sah nicht auf. Auch nicht, als er seinen Arm um sie legte und zu sich heranzog. Sie wirkte wie eine leere Hülle, völlig willenlos.
Ein paar angemessene Schritte entfernt blieb ich stehen. In ihren Armen konnte ich ein Kind erkennen. Eine kleine Gestalt von jungen Jahren. Dass es ihres war, musste sie wissen, da sie es sterben sah. Denn zu erkennen vermochte das kleine Wesen niemand mehr. Das Gesicht war von Flammen zerfressen, zu schwarzen Fetzen verkohlt und aus dem Leib Stücke herausgerissen, wie von einem blutrünstigen Raubtier.
„Ich konnte ihn nicht retten“, schluchzte sie und nun erst erhob sie das Gesicht zu ihrem Mann. Es war Tränen übersät und ihre Augen mehr als nur gerötet von Leid und Trauer. Der Ausdruck in ihren Augen sprach Bände. Kasthamor schloss seine Talia fest in die Arme, drückte sie an sich und trauerte mit ihr. Doch in seinem Blick war deutlich die Erleichterung zu erkennen, nicht beide seiner Liebsten verloren zu haben.
Ich nahm etwas Abstand von den Beiden, um ihnen etwas Ruhe zu gönnen und setzte mich ein Stück entfernt unter einen Baum. Ob es Josen wohl auch gut ging? Ich konnte es nur hoffen. Zu weit war ich vom Tiefgrund entfernt, um mich selbst versichern zu können. Betrübt und in Gedanken verloren, schloss ich die Augen. Etwas Ruhe würde auch mir nicht schaden.
Ruhe!
Ein unerträgliches Lachen hallte um mich herum wieder. Es lachte mich aus. Machte sich über mich lustig. Ich riss die Augen auf und suchte nach dem Wicht der voller Hohn auf mich herabsah. Doch dort war niemand. Weit und breit noch immer nur das in Trauer vereinte Paar. Missmutig lehnte ich mich erneut gegen den Baum und hielt den Blick wachsam.
Du hast dir keine Ruhe verdient, Kleiner.
Niemand zu sehen. Ich knirschte mit den Zähnen.
Wolltest du nicht deinen Bruder retten? Du hast ihn im Stich gelassen, hast dich von einem Gewitter in die Knie zwingen lassen. Gar nichts hast du dir verdient. Nichts!
In meinem Kopf reihten sich Bilder auf. Dieselben Bilder die mir erschienen, als Kasthamor von dem Unwetter sprach. Der Blitz. Der gespaltene Baum. Und noch mehr. Ich sah mich fallen, im nassen Gras liegen. Meine Sicht verschwamm. Alles um mich herum wurde schwarz. Die Blätter tanzten in grauen Silhouetten vor meinem Auge.
„Wer bist du?!“, schrie ich das Nichts an.
Müssen wir das noch mal durchkauen? Ich bin du. Und du bist ich. Lassen wir das doch einfach beiseite und konzentrieren uns auf das Wesentliche!
„Was willst du dann?“, raunzte ich.
Dass du dich erinnerst! Erinnere dich daran, wie du mir dein Leben anvertraut hast. Erinnere dich daran, wie sehr du mich brauchst. Wir gehören zusammen. Erinnere dich an mich! Und akzeptiere mich!
Die Stimme sprach zu mir in einer Boshaftigkeit, die mich erschaudern ließ.
Erinnere dich an diese Nacht, an diesen Sturm!
„Wie soll ich mich an etwas erinnern, an das ich mich nicht erinnere? Willst du mich zum Narren halten?“
„Du wirst dich erinnern“, erwiderte er mit schadenfroher Stimme.
„Lass mich in Ruhe!“, ermahnte ich ihn und erhob mich, denn in diesem Moment kamen Kasthamor und seine Frau auf mich zu. Sie humpelte, von ihrem Mann gestützt, da sie das rechte Bein kaum belasten konnte. Offensichtlich weil es einen langen Riss aufwies, der sich über die komplette Länge erstreckte. Auch an der Schulter war sie verletzt worden. Ihr Kleid war zerrissen, an der Stelle, da ihr etwas Fleisch herausgebissen wurde. Diese Wunde war es, die die Frau in Blut getränkt hatte.
„Wir müssen sie versorgen und“, sprach Kasthamor zu mir und hielt kurz inne, „und den Jungen begraben.“


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