Cerens Welt - 8.3



Der Arhun stieß auch ihn mit dem Fuß. Mehrmals rempelte er Kasthamor an, trat ihn in die Seite und begann ihn zu schütteln.
„Er reagiert ja gar nicht. Ist er tot?“
Mit der Fackel in der Linken näherte er sich Kasthamors Gesicht und betrachtete ihn gründlich. Die Flammen warfen schaurige Schatten an die tiefschwarzen Wände und auf die Gesichtszüge des schwachen Mannes neben mir. Er konnte nicht tot sein. Das durfte er nicht! Wir hatten so viel durch gemacht. Er konnte mich nun nicht allein lassen, mit diesen Dingern.
Hingegen meiner Sorge machte der Arhun Anstalten, Kasthamors Haare in Brand zu stecken. Er belustigte sich daran ein paar Strähnen auszureißen und zuzusehen, wie sie langsam vom Feuer verzehrt wurden. Dann packte er den Kopf des Mannes und riss ihn in Richtung Fackel. Er stöhnte nicht einmal.
„He! Was soll der Mist? Was hast du mit ihm vor?“, schrie ich das Ding an, wobei wieder ein schmerzhaftes Kratzen in meiner Stimme mitschwang. Doch es erregte seine Aufmerksamkeit. Er ließ Kasthamors Kopf sinken, ohne ihn jedoch loszulassen und blickte auf. Seine glänzenden Augen trafen mich und der Schelm breitete sich in seinen Zügen aus.
„Er kann ja doch reden“, stellte er fröhlich fest und erhob sich, wobei er den Kopf in seiner Rechten soweit mitzog, bis die Ketten ihn klirrend blockierten. Fast beiläufig ließ er los. Ein dumpfes Geräusch begleitete Kasthamors Aufprall auf den harten kalten Stein und seine Ketten raschelten.
„Will er etwas sagen?“
Der Arhun schritt langsam wieder auf mich zu.
„Hat er etwas einzuwenden? Eine Beschwerde vielleicht?“
Er kam direkt vor mir zum Stehen und beugte sich allmählich über mich. Er war groß.
„Will er mir etwa den Spaß verbieten?“
Diesmal schrie er. Er schrie so laut und aufgebracht, dass mir die Ohren dröhnten. Wütend sah er mich an, fletschte seine Zähne vor meinem Gesicht. Fast konnte ich sie spüren. Doch ich hielt seinem Blick stand. Ich erwiderte ihn und knurrte leise. Ein animalisches Knurren, so voller Angriffslust, dass es mich erneut verwunderte. Und es zeigte Wirkung, wenngleich anders als erwartet. Er wandte sich von mir ab und brach lauthals in Gelächter.
„Ich nehm alles zurück, er ist lustig!“7
„Was habt ihr mit uns vor?“, fragte ich ihn beharrlich.
„Was geht ihn das an?“, erwiderte er belustigt.
„Antworte!“
Verärgere sie nicht.
Die Stimme kam in meinem Kopf auf und hallte einem Echo gleich nach.
„Nun warum auch nicht“, meinte der Arhun und wandte sich mir wieder zu, „Er hat nichts von dem Wissen. Er will wissen, warum er hier ist. Er und sein lebloser Freund?“
Ich starrte ihn trotzig an und wartete auf eine brauchbare Antwort.
„Er ist so etwas wie ein Speisevorrat. Es ist mühselig jede Woche jagen zu gehen. Die Dörfer ums Gebirge sind schon tot.“
Mit diesen Worten verschwand er hinter dem Eingang, um eine Ecke und das Licht mit ihm. Speisevorrat? Entsetzt sah ich zu meiner Rechten. Ob er tot war? Diese Biester würde das kaum interessieren, wenn sie uns nur zur Futterzwecken mitgenommen hatten. Unruhe brodelte in mir auf. Ich musste dort raus. Ich musste fort. Weg. Fliehen. Doch eiserne Ketten hielten mich fest.
Was soll das, Kleiner?
„Was willst du?“, knurrte ich.
Denkst du es verlängert dein Leben, wenn du sie derart provozierst?
„Er wollte Kasthamor...“, ich brach mitten im Satz ab und fuhr betrübt fort, „Kasthamor ist tot.“
Ist er nicht.
„Woher willst du das wissen?“
Schon vergessen? Ich bin immer da, auch wenn du es nicht bist. Ich hätte es mitbekommen, wenn er uns verlassen hätte.“
„Du siehst ihn doch noch nicht einmal! Und überhaupt, was soll das heißen, mein Leben? Es ist genauso das deine!“
„Im Gegensatz zu dir, bin ich nicht auf die Sicht angewiesen. Und nein, ist es nicht. Solange dein Körper überlebt, überlebe auch ich. Dann wird es nur mein Körper sein.“
„Was?“
Allmählich war ich das Streiten leid. Erschöpft lehnte ich mich gegen die kalte Wand und starrte erneut ins Nichts. Es hatte keinen Sinn mit jemandem zu streiten, dem man nicht aus dem Weg gehen konnte. Seufzend gab ich mich geschlagen. Was konnte ich auch groß dagegen tun?
In diesem Moment vernahm ich ein leises Grummeln. So leise, dass ich es mir auch hätte einbilden können. Doch es wurde lauter. Es wuchs zu einem Stöhnen und Schnaufen heran. Ketten klirrten.
„Wo bin ich?“
Eine Stimme durchschnitt die ruhige Luft der Höhle. Er lebte tatsächlich!


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