mop Geschichtenliebe: Cerens Welt - Kapitel 6.6

Cerens Welt - Kapitel 6.6




Ich machte einen Schritt auf die beiden zu und sah sie an. Und sie sahen mich an. Ein Moment unsäglicher Stille, der so vieles auszudrücken vermochte. Der Wind trug den Geruch verbrannten Fleisches fort, sowie er an Haaren und Stoffen zerrte. Blätter raschelten über uns und Wellen wogten durch das grüne Meer.
Ich bot Kasthamor an, den Jungen zu nehmen, damit er sich auf seine Frau konzentrieren konnte, doch er lehnte ab. Stattdessen nahm er den leblosen Jungen auf den einen Arm und legte den anderen wieder um seine verletzte Frau. Er wollte ihn fernab des zerstörten Dorfes begraben. Weit weg von all dem Leid. Auch weil er es nicht ertragen könnte, all das noch einmal zu sehen.
So suchten wir einen ruhigen Ort, abgeschieden von der Straße und ausgetreten Pfaden, wo wir begannen dem Kind ein Grab auszuheben. Die Frau saß still und trauernd daneben, ohne uns auch nur anzusehen. Ihre Tränen schien sie bereits zur Gänze vergossen zu haben. Und ihr Wille war gebrochen.
Erst als Erde den Körper bedeckte und verhüllte, brach sie in Herz zerreißendes Geschrei aus. Wie von bösen Geistern ergriffen, stürzte sie sich über die Mulde und begann zu graben. Sie warf alles an Erde hinter sich und wühlte nach ihrem Kind.
Es dauert eine ganze Weile, sie von diesem Grab fort zu bekommen und sie soweit zu beruhigen, dass sie das nicht ständig wiederholte. Ich war mir nicht sicher, wie ich mich fühlen sollte. Es fiel mir unendlich schwer all das zu verarbeiten, ohne dabei den Verstand zu verlieren. Dabei handelte es sich nicht einmal um Menschen die ich kannte. So sehr ich mit Kasthamor mitfühlte und das Leid seiner Frau zu begreifen versuchte, so kalt ließ es mich auch. Ich begann zu resignieren. Ein Fehler. Denn ich begann, die Stimme hinzunehmen.
Warum hebst du das Grab für jemanden aus, dem du nie begegnet bist?
Ich schwieg. Schüttete Erde in das Loch.
Warum lässt du dich von diesen Leuten runter ziehen?
Ich schwieg. Griff nach weiterer Erde.
Warum lässt du dich von ihnen aufhalten? Du hast eigene Pläne, eigene Ziele. Du hast keine Zeit!
„Diese Zeit werde ich mir nehmen“, antwortete ich ruhig und schaufelte den Rest Erde in das Grab. Vorsichtig klopfte ich sie fest. Während Kasthamor ein aus Zweigen gebundenes Kreuz dahinter aufstellte. Er sah mich etwas schief an, als ich begann zu sprechen, ohne gefragt worden zu sein. Doch schien es ihm in diesem Moment gleichgültig.
„Du wirst nicht bestimmen, was ich tue!“
Danach widmeten wir uns der Frau. Ihre Wunden waren tief und viel Dreck hatte sich darin gesammelt. Wir versuchten sie bestmöglich zu säubern, was sich ohne Wasser als äußerst schwierig erwies. Trotz aller Bemühungen sah es nicht besonders gut aus. Notdürftige Säuberung und das Verbinden mit abgerissenen Kleidungsfetzen, war alles was wir in diesem Moment für ihre Verletzungen tun konnten.

Der Abend verging nur schleppend. Die Sonne verabschiedete sich erneut von dieser Welt und Kasthamor kniete erneut an einem Grab. Seine Frau neben ihm. Er hatte Recht, ich würde nicht voran kommen, wenn das alles so weiter ging. Doch ich wollte diesen Mann auch nicht seinem Schicksal überlassen. Sehnsüchtig sah ich gen Himmel.
Alles was ich wollte, war nach Tiefgrundwacht zurückzukehren, meinen kleinen Bruder wohlauf in die Arme zu schließen und Lina wiederzusehen. Ich seufzte. Josen war mittlerweile sicherlich lange wieder aufgetaucht. Stattdessen machte man sich nun wohl Sorgen um mich. Ich rollte mich im Gras herum und versuchte die Gedanken abzuschütteln. Sie machten mich nur traurig, bescherten mir Heimweh.
Was wenn Josen nicht wieder aufgetaucht ist? Was wenn er tot ist?
„Warum sollte er das sein?“, antwortete ich träge. Langes Gras kitzelte an meiner Nase und verdeckte mir die Sicht.
Du hast den Sturm erlebt. Wer weiß, wo der Junge war zu diesem Zeitpunkt.
„Wenn du mir unbedingt auf den Nerv gehen willst, dann tu das. Aber sprich nicht von Dingen, die mir im Moment fern liegen.“
Wie du meinst. Siehst du diese Narren dort drüben? Weinen über Vergangenes, anstatt nach vorn zu blicken.
„Wenn du nicht ein Teil von mir wärst, würde ich dich fragen, ob du je Trauer verspürt hast. Red keinen Unsinn.“
Ich wälzte mich auf die andere Seite. Langsam hielt die Nacht Einzug über der Ebene und mit ihr kam die Kälte. An meinen Armen und Beinen bildeten sich kleine Pusteln, die Haare stellten sich auf. Wenn ich ausatmete, konnte ich eine zarte Wolke weißen Dampfs sehen.
Erinnerst du dich mittlerweile an diese Nacht?
Ich schüttelte den Kopf stumm und starrte in den stetig dunkler werdenden Himmel.
Das wirst du.
„Warum ist dir das so wichtig?“
Weil etwas geschah, das wichtig für uns beide ist.
„Hmm“, machte ich nur und beobachtete, wie Mond und Sterne langsam begannen zu strahlen.


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