Cerens Welt - Kapitel 6.7




Erst am nächsten Morgen konnten wir endlich aufbrechen. Zu viel Zeit war ungenutzt verstrichen. Zu viel Zeit vergeudet. Immerhin konnte ich Kasthamor überreden, doch noch einmal nach Hohen Weide zurück zu kehren, um seinen Karren zu holen. Damit würden wir zumindest etwas Zeit wieder aufholen.
Doch diese Idee erwies sich relativ bald als ziemlich unklug. Kasthamor selbst versuchte versuchte seine Gefühle zu unterdrücken. Doch seine Frau überkam ein Schwall negativer Erinnerungen. Sie begann bitterlich zu weinen, warf sich unwillkürlich auf den Boden und bedeckte ihre Sicht. Dann begann sie zu stammeln, redete wirres Zeug in abgehackten Sätzen. Ihre Stimme bebte und zitterte zugleich.
„Abstoßende Monster. Sie kommen. Sie holen uns. Sie werden alle töten. Töten. Blutvergießen. Überall Tod. Sie reißen uns in Stücke. Zerfetzen uns. Fressen uns. Trinken unser Blut. Blut. Überall Blut. Blut und Feuer. Flammen. Es ist heiß. So heiß. Und dieser Gestank. Rauch. Ruß. Verbranntes Fleisch. Sie lechzen nach Fleisch. Stürzen sich auf die Kinder. Die Kinder! Wo ist mein Sohn? Wo ist Maron? Wo ist er? Maron! Mein Kind!“
Ihre Stimme hob und senkte sich. Immer wieder brach sie schrille Rufe aus und stammelte dann weiter. Sie schrie. Schrie nach ihrem Sohn. Schrie sich die Seele aus dem Leib und begann erneut bitterliche Tränen zu weinen. Am ganzen Körper begann sie zu zittern. Sie wimmerte und machte unaufhörlich diese vorwärts Bewegung, schaukelte und wiegte sich selbst.
Für mich war klar, dass dieser Mensch zu viel gesehen hatte. Körperlich mochte sie leben, doch ihr Geist war lange schon verfault. Sie würde nie wieder zur Besinnung kommen.
Doch das war nicht das einzige Übel. Entsetzt mussten wir schließlich auch noch feststellen, dass das Pferd sich vom Karren losgemacht hatte. Die Zügel sahen angeknabbert und zerrissen aus. Der Wagen selbst war seitlich umgekippt und zahllose Hufabdrücke hatten die Erde aufgewühlt. Diese Rückkehr war vergebens.
Ungeachtet ihrer Gefühlsausbrüche rappelten wir die Frau auf und machten uns los in Richtung Norden. Zurück dahin wo wir vor einigen Tagen hergekommen waren. Langsam jedoch nur. Denn die Frau wehrte sich, stemmte sich gegen Kasthamor und wollte zurück laufen. Sie begann ihn zu schlagen und zu beißen.
„Mein Kind. Maron! Wir müssen Maron mitnehmen! Wir können ihn doch nicht zurücklassen“, schrie und winselte sie zugleich, während sie weiter auf Kasthamor einhämmerte. Doch er ließ sie nicht los. Er zerrte sie einfach weiter, ungeachtet ihrer Brutalität.
Auch als Blut langsam seinen Arm herunter lief, aus der Wunde ihres Bisses, beachtete er es gar nicht. Woher nahm dieser Mann nur die Kraft? Das fragte ich mich dieser Tage viel zu oft. In würdigem Abstand ging ich neben ihnen her und behielt die Landschaft im Auge. Zwar waren wir keinem Arhun begegnet, doch konnte man nie wissen, ob sich diese Bestien nicht doch noch hier herum trieben.
Hingegen meiner Erwartung blieb unsere Reise jedoch ruhig – wenn auch langsam. Das tobende und wütende Wesen, das wir mit uns zerrten, ausgeschlossen, gab es nichts auffälliges oder seltsames auf dieser Ebene. Und man konnte weiß Gott weit blicken. Sehr weit.
In allen Richtungen gab es nichts als Wiese. Endlose weite Wiesen die sanft im Wind wogten und ein paar vereinzelte Bäume. Eine zurecht gemachte Feldstraße von der hin und wieder ein paar ausgetretene Pfade abgingen und der Gesang von Vögeln. Man wollte kaum glauben, dass vor kurzem ein Arhun Überfall stattgefunden hatte. Vielmehr könnte man meinen das alljährliche Fest zur Begrüßung der grünen Zeit würde das Land erfüllen.
Nun erst fiel mir auf, dass sich etwas verändert hatte. Es war ruhig geworden. Fast schon zu ruhig. Als ich stehen blieb und mich umsah, stellte ich fest, dass Kasthamor weit zurück gefallen war. Er kniete im hohen Gras, seine Frau in den Armen. Sie ächzte und stöhnte nur noch kläglich, statt sich gegen ihn zu wehren.
Ihren Verletzungen, die tiefe Fleischwunde an der Schulter, sie hatten sich beinahe schwarz verfärbt. Ein übler Gestank ging von ihr aus. Der Gestank von Verwesung. Auch ihr Gesicht war ganz fahl und bleich geworden. Ihre Augen starrten glasig ins Leere, wenn sie nicht gerade hustete, als wollte ihre Lunge ihren Körper verlassen.
„Sie stirbt“, sagte Kasthamor kalt. In seinen Augen lag kein Ausdruck mehr. Kein Gefühl. Keine Hoffnung.


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