mop Geschichtenliebe: Cerens Welt - Kapitel 8.2

Cerens Welt - Kapitel 8.2




Wieder stöhnte ich vor Schmerzen. Diese Bilder riefen Erinnerungen wach, die ich noch jetzt zu spüren glaubte. Und allmählich bot sich mir das ganze Bild in all seiner Grausamkeit.
Ein Dutzend Arhun war dem Fingerzeig gefolgt und übermannte uns. Sie hatten auf uns eingeschlagen, bis wir uns kaum mehr hatten rühren können, uns über den harten Boden zu den Bewohnern des Ortes geschliffen und in die Menge geworfen.
„Sie sind nicht von hier“, hatte der Anführer gekrächzt und mit hämischem Grinsen auf uns hinab gesehen, „Sie sind mutig. Sie sollen leben.“
Dann war er in markerschütterndes Lachen ausgebrochen, hatte mit einem Wink den Befehl gegeben und im nächsten Moment hatten sich die Arhun über das Dorf hergemacht. Leidende und Angst erfüllte Schreie waren um uns laut geworden, Blut in alle Richtungen gespritzt. Einem Mann direkt neben mir, war der Kopf abgerissen worden und sein Blut tränkte sein Umfeld. Der Boden war feucht und klebrig geworden. Der Arhun hatte sich am Fleisch seines Opfers gelabt. Und mir hatte jede Faser meiner Kleidung am Leib geklebt, durchtränkt von warmem Blut. Der Geruch war mir schwer in die Nase gestiegen und benebelte meine Sinne. Die ganze Szene hatte nur wenige grauenvolle Augenblicke gedauert, dann war sie vorbei und wir saßen in Blut und zerrissenen Leichnamen.
„Fesselt sie!“, hatte der Anführer geschrien und ein heftiger Schlag hatte mich bewusstlos gemacht. Als ich wieder aufgewacht war, war alles dunkel. Doch noch immer konnte ich das Blut dieser Menschen riechen, als hätte es sich in meine Nase gefressen und ihre Schreie hören, als säßen sie in meinem Ohr.
„Wo sind wir?“, fragte ich schwach.
In ihrem Versteck. Eine Höhle tief im Herzen des Schwarzen Gebirges.
„Im Gebirge?“
Ich war mehr als erstaunt, wie weit sie uns fortgebracht hatten. Das Dorf auf der Ebene, in dem wir gefangen wurden, lag mehrere hundert Ints vom Fuße des Berges entfernt.
„Sag, wie lang war ich bewusstlos?“
Hmm, lass mal überlegen. Vier Tage bis hierher. Seit Dreien hängst du dort. Sieben müssten es sein.
Sieben Tage? Das würde meinen Hunger erklären und warum ich mich so schwach und ausgetrocknet fühlte. Wieder blickte ich ins Nichts. Meine Augen wollten sich nicht an die Dunkelheit gewöhnen, es war zu dunkel.
„Du weißt doch sicher auch, was die mit uns vorhaben?“
Nicht wirklich, nein. Darüber haben sie kaum ein Wort verloren. Ich habe nur gehört, wie der Hochnäsige meinte, dass er etwas besonderes mit euch vorhätte.
„Na toll, jetzt bin ich schlauer. Du tust doch immer so allwissend!“, schnauzte ich ihn an.
Naiver Ceren“, sagte er belustigt kichernd, „Ich bin nicht allwissend. Ich übernehme nur deinen Körper, wenn du nicht in der Lage dazu bist.
„Was?“
Wieder begann ich zu knurren, wie ein wütender Hund.
„Was soll das heißen, du übernimmst meinen Körper?“
Na genau das eben. Wenn du bewusstlos bist oder schläfst, trete ich auf den Plan. Vergiss nicht, dass wir uns diesen Körper teilen. Er gehört dir nur so lange du auch in der Lage bist ihn zu beherrschen. Wird dein Geist schwach, übernehme ich.
„Du mieser Dreckskerl! Was fällt dir ein? Keron soll dich holen, meinen Körper zu kontrollieren.“
Nimm es hin, Kleiner, du kannst es ohnehin nicht ändern.“
Wutschnaubend zerrte ich an meinen Ketten und versuchte mich frei zu machen. Ich hatte das Bedürfnis ihm eine zu verpassen. Doch das Eisen schnitt nur weiter in meine Gelenke, bis ich Blut fließen spürte. Es war warm. Viel wärmer als der Rest meines Körpers. Doch das hinderte mich nicht, ihn zu verfluchen.
„Wenn ich hier rauskomme, mögen die Götter dir beistehen, kannst du was erleben!“, knurrte ich, verstummte jedoch ganz schnell, als ich begann zu sehen. Eine dunkle Höhle. Kantiges Gestein, teils natürlich, teils zurecht geschlagen. Ich befand mich in einer Art Raum mit schmalem Eingang, durch den dumpfes Licht drang. Die Wache! Ich ließ den Kopf hängen und stellte mich schlafend. Das Licht kam näher. Ich hörte Flammen knistern.
„Noch immer nicht wach, diese Tölpel. Was Meister Rheo wohl in ihnen sieht.“
Der Mann trat mir gegen das Bein und ich versuchte den Schmerz zu unterdrücken, eine Reaktion zu vermeiden. Doch es gelang mir nicht.
„Er ist wach! Wie fühlt er sich, hat er Schmerzen? Hat er Hunger? Sicher hat er Durst“, fragte er schelmisch lachend. Mein Leid vergnügte ihn sichtlich. Gerade deswegen antwortete ich nicht.
„Hat es ihm die Sprache verschlagen?“
Mit seinem breiten völlig unnatürlichen Grinsen kam er mir immer näher, sah mich an und lachte. Er hatte Mundgeruch und eine ungesunde Hautfarbe. Bläulich, soweit ich das beurteilen konnte. Seine Gesichtszüge wirkten entstellt. Es war lang und schmal, völlig abgemagert – was mich wunderte, wenn ich daran dachte, wie gierig diese Monster sich über die Menschen hergemacht hatten. Die Wangenknochen traten aus seinem Gesicht hervor, der Mund war ungewöhnlich breit und wurde noch größer, wenn er grinste. Fast schon nahm er das ganze Gesicht ein.
Angewidert wandte ich mich ab. Was waren das für seltsame Wesen? Ich musste an Kasthamors Geschichte denken. Mutierte Menschen, die einst aus seiner Welt kamen. Kannibalen. Menschenfresser. Konnte man wirklich zu so etwas werden, wenn man Menschen aß? Eine absurde Vorstellung. Aber vielleicht war doch etwas Wahres daran. Irgendwoher mussten sie schließlich gekommen sein.
„Er ist langweilig, sagt ja gar nichts“, beschwerte der Arhun sich und trat mich noch einmal. Ein leises Schmerzgeräusch konnte ich auch diesmal nicht unterdrücken. Nun musste ich mitansehen, wie er zu Kasthamor ging, der ebenfalls in Ketten lag. Er jedoch hing nicht an der Wand, sondern saß und hatte die Hände über dem Kopf gefesselt. Der Schein des Feuers ließ ihn blass und krank aussehen. Für eine Sekunde schoss mir eine absurde Frage durch den Kopf. Lebte er überhaupt noch?


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