mop Geschichtenliebe: Du mein Schmerz

Du mein Schmerz



Wurdest du gemobbt?
Oder warst du der Peiniger?



Das Quietschen der Kreide verstummte, als die Schulglocke ertönte. Es wurde laut im Raum. Stühle wurden verrückt, Taschen gepackt und geschultert. In kürzester Zeit leerte sich der Raum. Nur sie blieb zurück. Starrte an die Tafel, las den Eintrag, zum Schein jedoch. Sie wollte nicht gehen, wollte nicht auf diesen Pausenhof. Nicht einmal in den Gang. Sie wollte dort bleiben. Am liebsten überhaupt nicht dort sein. Viel lieber wäre sie allein in ihrem Zimmer. Unter der Decke wollte sie sich verstecken. Ganz allein. Ganz weit weg von alledem. 

Wie so oft war es der Lehrer, der sie hinaus schickte. Sie könne nicht ewig dort drin bleiben und er wolle auch in die Pause gehen. Zögerlich packte sie ihre Tasche. Sie wusste genau was sie erwarten würde dort draußen. Doch es war unvermeidlich, auch das wusste sie. Mit gesenktem Haupt trat sie in den Schulflur. Der Lehrer schloss hinter ihr die Tür und war sogleich verschwunden. 
 
Allein war sie jedoch nicht. Denn er wartete. Wie so oft. Sie sah ihn nicht an und dennoch wusste sie, dass er dort am Geländer stand. Wie so oft. Mit verschränkten Armen lehnte er dort, starrte sie an mit kühlem Blick. Das Mädchen umklammerte ihre Tasche und ging schnellen Schrittes vorbei. Den Gang hinunter. Einfach weg. 
Das Mädchenklo war ihr Zufluchtsort. Wie so oft. Viele Pausen hatte sie dort verbracht. Doch als sie sich heute dort verstecken wollte, wurde alles noch schlimmer. Sie standen vor der Tür, versperrten ihr den Weg. Mit höhnischem Grinsen blickten sie auf das Mädchen hinab. Der Spott blieb ihr nicht aus. So vieles hatte man sie geheißen. Sie ließ es über sich ergehen. So oft hatte man über sie gelacht. Sie ließ es über sich ergehen. So oft hatte man sie herumgeschubst. Sie ließ es über sich ergehen. Was sollte sie auch anderes tun? 
Verzweifelt sah sie zu Boden, nicht sicher was sie tun sollte. Ihr letzter Zufluchtsort bot ihr keine Zuflucht mehr. Nun war sie ihnen hilflos ausgesetzt. Spott und Hohn gingen über sie herein. Als sie von ihnen bedrängt und in eine Ecke getrieben wurde, lief sie davon. Den Weg den sie gekommen war, denn es gab keinen Anderen. Doch sie kam nicht weit. Sie fiel nicht zu Boden, als sie gegen ihn prallte, denn er hielt sie. Doch war es sicher nicht das was sie wollte. Lieber wäre sie gefallen. Lieber würde sie auf dem schmutzigen Boden liegen und sich das Gelächter anhören. Alles wäre ihr lieber, als in seiner Nähe zu sein. 
Und er tat was er so oft tat. Er drückte sie gegen die Wand. Von oben her blickte er auf sie hinab. Er war riesig, viel größer als sie, allein machte ihr schon Angst. Von allen Seiten konnte sie den Beifall hören. Das Gelächter und die Zurufe. Den Jubel und ihre Belustigung. Das war es. Dazu diente sie. Zur Belustigung ihrer Mitschüler. Nie war sie zu etwas anderem gut gewesen. Nie hatte sie etwas anderes erfahren. 
Verzweifelt blickte das Mädchen in die Augen ihres Peinigers, der hoch über ihr stand und sie voller Genugtuung angrinste. Es gefiel ihm. Sie wusste nicht warum. Ob es wegen der Anderen war. Sonnte er sich gern in ihrem Beifall? Sah er eine Art Befriedigung darin? Fand er womöglich sogar Gefallen am Schmerz Anderer? Wenn sie in seine Augen sah, erkannte sie nur Wut. Wenn seine großen kalten Hände sich um ihren Hals legten, lief ihr ein Schauer den Rücken hinunter. Seine Hände waren so kalt, als wäre er tot. Vielleicht war er das auch. Seine Seele längst verkrüppelt und entflohen, hatte eine leere fleischliche Hülle zurückgelassen, die zwar existierte jedoch nicht lebte. Wer konnte das wissen? 
Einzig die Genugtuung, die er versprühte während er sie - wie so oft - würgte, ließ auf ein lebendes Wesen schließen. Sein Grinsen wurde breiter, je fester seine langen kalten Finger sich um ihren Hals schlossen. Als die Luft langsam aus ihrer Kehle wich, fragte sie sich - wie so oft - was der Sinn des Lebens überhaupt war. Der ihre schien nicht ihr selbst zu dienen, sondern den Anderen. Und der seine mochte darin liegen, die Anderen zu erfreuen durch Schmerz und Leid, oberflächlich jedoch...
Und dann, wie so oft, war es der Schulgong der sie von dieser Tortur befreite.

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