mop Geschichtenliebe: Niemand versteht dich

Niemand versteht dich




"Er war immer ein ruhiger lieber Junge", sagte die Lehrerin den Ermittlern.


"Nun, er war sehr in sich gezogen, erzählte nicht viel von der Schule. Oft saß er Stunden vor dem Computer", erklärte die Mutter.


Videospiele, viele verschiedene, aber alles Gewaltspiele, das war es, was sie in seinem Regal fanden. Die Poster an den Wänden zeigten Männer in Kampfausrüstung,
hinter ihnen explodierte etwas. Poster die den Videospielen zugeordnet werden konnten.


"Noch ein Junge der von diesen Killerspielen beeinflusst wurde, er kann wohl Fiktion und Realität nicht mehr unterscheiden. Die Strafe wird nicht zu milde ausfallen, seien sie sich da sicher", sagte der Ermittler den Eltern.


Drei Stunden zuvor zeigte ein sonst verhaltensunauffälliger Junge plötzlich das genaue Gegenteil. Er erhob sich während dem Unterricht von seinem Platz. Die Lehrerin bat ihn sich wieder zu setzen, fragte ihn was los sei, ob er sich nicht gut fühle, doch der Junge zeigte keine Reaktion. Er stand einfach dort. Minutenlang herrschte totenstille im Raum, alle starrten ihn an. Allmählich wurde Getuschel laut und Mitschüler begannen sich über ihn lustig zu machen. Doch er blieb einfach stehen, den Kopf gesenkt. Langsam hob er die Hand, griff in seine Jacke. Mit einem Mal schrie er: "Haltet die Klappe! Haltet alle die Klappe!"

Sein Arm wirbelte herum und er ging auf die zu, die eben noch gelästert hatten. Eine kurze Bewegung und es war vorbei. Ein großer Junge, muskulös, kippte vom Stuhl, die Augen starr auf seinen Angreifer gerichtet. Er drückte sich die Hand auf die Brust. Auf die Stelle aus der das Blut rann. In Strömen rann es. Bevor jemand reagieren konnte, hatte der Junge einem anderen die Kehlen durchgeschnitten. Blut klebte im Gesicht des wahnsinnig Gewordenen. Im Gesicht, auf seinem Shirt, an seinen Händen. Er stand darin, in einer riesigen Blutlache. Mit einem Mal brach schreckliches Geschrei im Raum aus. Alle drängten zur Tür, versuchten sich hindurch zu quetschen, rannten sich gegenseitig um. Ein Mädchen stürzte und wurde von dem Gewicht zahlreicher Flüchtigen beinahe zerquetscht. Man konnte ihre Knochen brechen hören. Ein leises Knacken inmitten des wirren Geschreis. Völlig kraftlos lag sie vor der Tür. Alle anderen waren mittlerweile geflohen.

Nur die Lehrerin blieb. Völlig entsetzt und perplex stand sie an der Tafel. Die Kreide war ihr aus der Hand gefallen und auf dem Boden zerscholten. Stotternd, mit zittriger Stimme versuchte sie auf den Jungen einzureden, doch kein anständiges Wort wollte aus ihrem Mund kommen. Der Junge ignorierte sie. Er stieg über das zertrampelte Mädchen hinweg, ohne sie auch nur zu beachten und trat in den Korridor. Dort war inzwischen der helle Wahnsinn ausgebrochen. Aus allen Klassenzimmern waren die Schüler geflohen und drängten sich nun nach draußen.

Es starben noch Acht weitere Menschen an diesem Vormittag, alles Schüler, männlich. Alle beliebt bei ihren Mitschülern, sportlich, aus verschiedenen Gründen angesagt. Auch das gestürzte Mädchen aus dem Klassenraum überlebte nicht, sie erlag ihren Verletzungen und inneren Blutungen. Der Mörder wurde eine Stunde später von der Polizei festgenommen und abgeführt. Er hatte sich vor den Haupteingang der Schule gestellt und gewartet. Mit dem Blut an seinen Händen hatte er etwas in Großbuchstaben an die Eingangstür geschrieben. RACHE.

Drei Tage zuvor saß ein Junge in der Pause einsam auf einem Stein und biss lustlos in sein Brot. Niemand sprach mit ihm. Die anderen sahen nur verhohlenen Blickes zu ihm herüber. Belächelten ihn und machten abfällige Handbewegungen, wenn jemand nach ihm fragte. Er kannte sie, sie alle. Er kannte ihre Gesichter und wusste was sie über ihn sagten. Der Irre. Der Freak, der nur Videospiele spielt. Der, der nicht gut in der Schule ist, nur Fünfen schreibt. Der, der nicht sportlich ist. Der mit dem keiner etwas zu tun haben will. Wenn er jemanden ansprach, bekam er immer nur böse Blicke oder abwertende Bemerkungen zurück. Deswegen war er in den Pausen immer allein.

Drei Jungen gingen an ihm vorbei, sie blieben stehen. Einer von ihnen war groß, muskulös, er konnte einem Angst einflößen wenn er da so über einem stand. Die anderen beiden fielen durch ihre teure Kleidung auf, die Caps die schief auf ihren Köpfen saßen. Sie sprachen ihn an, beleidigten und beschimpften ihn. Sie lachten, nicht mit ihm, über ihn. Und bevor sie weiterzogen, schubste der Große ihn von seinem Stein, dass er im Dreck landete und sich den Kopf stieß. Sein Blick war hasserfüllt ebenso wie sein Herz, voller Groll. In diesem Moment hatte er sich ein Ziel gesetzt. Er wollte es ihnen zeigen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen