mop Geschichtenliebe: Serie für eine Nacht

Serie für eine Nacht

Review Stranger Things
Review Stranger Things

Zugegeben, der Titel ist ein wenig reißerisch. Tatsächlich habe ich Stranger Things nicht innerhalb eines Abends beendet. Hätte ich am nächsten Morgen jedoch nicht arbeiten müssen, hätte ich es. Es gibt viel Gutes über diese Serie zu verlieren. Lange nicht mehr hat mich eine Serie so gehooked, dass ich sie an nur einem Tag verschlingen wollte - zugegeben mit nur acht Folgen fiele das in diesem Fall vergleichsweise noch leicht. Außerdem hat es kaum je ein filmisches Werk geschafft, mich so tief zu berühren. Auf einer Ebene von der ich dachte es gebe sie gar nicht mehr, doch dazu später mehr.

In Stranger Things verfolgen wir eine Reihe von Mysterien in der amerikanischen Kleinstadt Hawkins. Ein gemütliches Plätzchen, typisch dem amerikanischen Traum, geprägt vom gängigen Bild einer Gemeinde in den 1980ern. Der Charme dieses Jahrzehnts zieht sich quer durch die Geschichte und prägt sowohl den Alltag, als auch das übernatürliche Treiben in der Kleinstadt.
Die vier Freunde Mike, Dustin, Lucas und Will - alle etwa im Alter von zwölf Jahren - haben mal wieder einen ganzen Tag durch Dungeons & Dragons gespielt. Gegen Abend verabschieden sie sich gezwungener Maßen - ohne dabei herauszufinden, ob sie den Demogorgon besiegen konnten - von ihrem Abenteuer und gehen getrennter Wege. Es ist bereits dunkel, doch in dem friedlichen Örtchen geschieht ohnehin nicht viel, weswegen sie sorglos drauflos radeln. Umso seltsamer ist es da, dass der junge Will nie Zuhause ankommt und auch am nächsten Morgen nicht in der Schule erscheint.
Während sich anfangs niemand etwas dabei denkt, versinkt seine Mutter Joyce in Kummer und Sorgen und das nur umso mehr, als ihre Bitte nach Hilfe abgetan wird, mit den Worten, der Junge sei bloß davon gelaufen oder schwänze die Schule. Doch so ist Will nicht. Das wissen auch seine Freunde, die kurz darauf beginnen, Nachforschungen anzustellen und nach ihm zu suchen. Doch statt Will finden sie draußen im Wald ein verwahrlostes Mädchen, das auf den Namen Elf hört.
Sie verstecken Elf bei Mike Zuhause und versuchen mit ihrer Hilfe herauszufinden, was mit Will geschah. Denn Elf ist kein gewöhnliches Kind, sie hat Dinge gesehen, Dinge gehört und Dinge getan. Unnatürliche Dinge. Und sie weiß mehr, als sie zugibt.

Review Stranger Things


Das Wort "atmosphärisch" dürfte mittlerweile mehr als verbraucht sein und doch trifft es auf diese Serie zu. Die Gemeinde und ihre Bewohner sind perfekt inszeniert. Von der besorgten Familie über klassische Teenie Dramen und ignorante Mitbürger, die vor dem Unrecht ihre Augen verschließen, bis hin zum klischeehaften Diner Inhaber können wir uns in Hawkins ganz Zuhause fühlen. Alles ist irgendwie stimmig und ganz so, wie wir uns ein Städtchen in den 80ern vorstellen würden. Selbst der Chief ist nur ein, mit Problemen und Alkohol kämpfender, besorgter Bürger. Es fällt nicht schwer, diese Leute lieb zu gewinnen und mit ihnen zu leiden. Leiden, das ist in diesem Fall der springende Punkt.

Denn auch wenn die Menschen in Hawkins nicht wissen, was mit dem jungen Will Byers geschehen ist und dass überhaupt ein Monster existiert, können wir ein Lied davon singen. Ein Lied voll Grauen. Wir dürfen, oder vielmehr müssen, mitansehen wie er von einem alles andere als menschlichen Wesen gejagt und schließlich verschleppt wird. Verschleppt oder gefressen, in jedem Fall verschwindet er letztendlich schnell und spurlos. Der Demogorgon hat ihn letztendlich also doch geholt.
Mit Wills Verschwinden jedoch bricht eine Kette mysteriöser Verstrickungen los. Nicht nur dass die drei Jungen, auf der Suche nach ihrem Freund, Elfie finden, nein, weitere Personen verschwinden einfach so und bekommen den "vor dem Leben davon gelaufen"-Stempel aufgedrückt. Der örtlichen Polizei wird die Zuständigkeit entzogen, stattdessen soll sich eine höhere Behörde um die Vorfälle kümmern. Ein Staatsakt in einem kleinen Ort wie Hawkins? Und doch scheint niemanden wirklich zu interessieren, was vor sich geht, während Joyce droht den Verstand zu verlieren. Oder ist sie die einzige die hinhört, während sie mit ihrem verschollenen Sohn kommuniziert? Und was hat es mit diesem abgezäunten Gelände im Wald auf sich?

Review Stranger Things


Stranger Things hat das nötige Fingerspitzengefühl, um grandioses Mystery hinzulegen und anschließend astreinen Horror daraus zu machen. Es ist eine Serie, die man am besten im Dunkeln auf sich wirken lässt oder aber gar nicht. Denn nicht nur die überwältigenden Emotionen der Protagonisten und die zwischenmenschlichen Interaktionen, die durch das erste Verschwinden ausgelöst wurden, berühren einen zutiefst. Nein, auch der Grusel.
Dass etwas Übernatürliches, etwas Grausames seine Klauen im Spiel hat, wissen wir bereits vom ersten Atemstillstand an. Doch wenn man dem Monster ein zweites und drittes Mal gegenüber steht, es atmen hört, schmatzen hört, schreien hört, dann packt einen das Grauen.

Ich habe schon lange die Angst vor Horrorfilmen verloren, erschrecke mich nur noch selten bei Gruselfilmen und Jumpscares, würde mich fast schon als abgebrüht bezeichnen. So geht es wahrscheinlich mittlerweile vielen. Der Grusel und Ekel sind ein oft verwendetes und lange aufgearbeitetes Stilmittel in Filmen und Serien. Man hat bereits alles gesehen und alles erlebt. Es gibt kaum noch nennenswerte Neuerungen oder Ideen auf diesem Gebiet.
Aus einem Grund, den ich allerdings noch nicht einmal wirklich erklären kann, hat das Monster und die Schattenwelt aber einen mehr als bleibenden Eindruck in mir hinterlassen. In Wahrheit konnte ich kaum schlafen nach den ersten fünf Folgen. Jedes Mal wenn ich die Augen schloss, sah ich dieses Wesen in der Schattenwelt hocken, über seine Beute gebeugt fressend. Ich hörte seinen Atem. Es verfolgte mich die ganze Nacht hindurch, auch wenn ich keine Alpträume hatte. Das ist ein Gefühl, das ich von fiktiven Werken nicht mehr kannte.
Und tatsächlich ist die Schattenwelt als solche wahnsinnig gut umgesetzt. Eine bedrückende und beklemmende Grundstimmung nur durch Licht- und Schattenspiel zu erzeugen, ist wahrlich nicht einfach. Doch sonderlich viel mehr ist es nicht, das auf den Zuschauer wirkt. Er taucht ein in ein Abbild der Wirklichkeit, das mit einem dunklen Schleier überzogen ist. Alles wirkt farblos, freudlos und irgendwie fremd. Nebel zieht sich durch die Welt. Partikel die Aschekörnern gleichen schweben durch die Luft und doch ist es nichts anderes, als der Wald hinterm Haus oder das Schulgelände. Und inmitten dessen lauert ein Jäger, stets hungrig.
Entsprechende Szenen sind zudem mit passenden akkustischen Effekten unterlegt, die noch mehr aus dem Ganzen heraus holen. Eine ruhige aber bedrückende Melodie? Abartig fremde verzerrte Geräusche? Kein Problem. Für das Kribbeln unter der Haut ist gesorgt.



Die Geschichte wird aus insgesamt drei Perspektiven erzählt, was unterschiedliche Meinungen, Erlebnisse und Erkenntnisse in unterschiedlicher Geschwindigkeit nach sich zieht. Wir als Zuschauer sehen von Anfang an das Gesamtpaket, ein Ganzes das aus den Erlebnissen aller zusammengesetzt wird. Wir wissen vor allen anderen, was passiert ist oder vielmehr was passiert sein könnte. Und doch ist es faszinierend mitzuerleben, wie sich die einzelnen Teile des Puzzles für die Protagonisten zu einem Bild fügen.

Die offensichtlichste Perspektive ist die der Mutter. Joyce spricht nicht nur über das Flackern von Licht mit ihrem Jungen, sondern sucht später auch gemeinsam mit Chief Hoppar nach ihm. Die beiden gehen den - nicht immer und vorallem nicht immer legalen - behördlichen Weg, um Wills Verschwinden auf die Spur zu kommen.
Währenddessen machen sich die Jungs zu ihrem ganz eigenen Abenteuer auf. Was ich sehr begrüße, denn das Erzählen der Vorfälle aus Sicht von Wills Freunden zeigt eine völlig neue Variante der Geschichte. Die Jungs sind vielleicht zwölf und sehen die Dinge aus einer völlig anderen Sichtweise. Über sie werden nicht nur Vergleiche zur Welt von Dungeons & Dragons gezogen - daher die Namen "Düsterwald" für den Ort des Verschwinden und "Schattenwelt" -, sondern auch naivere und abenteuerlichere Bestrebungen angefochten. Sie haben einen anderen Ansatz, Will zu finden, der sie aber ebenso auf ihrem Weg voran treibt. Mit Hilfe von Elfies Fähigkeiten.
Die Dritte Figur die ganz heiß auf Antworten ist, ist Mikes große Schwester Nancy. Über sie bekommt man nicht nur typischen Highschool Stress mit, sondern erlebt auch einen Großteil des Grauens. Als ihre beste Freundin während einer Party verschwindet, beginnt auch sie nachzuforschen. Und Nancy kommt dem Monster dabei intensiver auf die Spur, als ihr lieb ist.

Auf Twitter habe ich bereits darüber gesprochen, dass Stranger Things außerdem unheimlich gut als Videospiel funktionieren würde. Und ich rede dabei nicht von Telltale, auch wenn das eine Alternative wäre. Nein. Die Story, die Figuren, die Aufmachung und das Setting wären perfekt für ein Semi-Horror Game im Stil von Life is Strange. Mit jedem Kapitel könnte man eine andere Figur begleiten. Mike, Nancy, Joyce, Hoppar. Wahlweise Elf, vor allem dann wenn sie in die Schattenwelt eintaucht. Es wäre ein unvergleichliches Gamingerlebnis.
Bitte macht das! Danke.

Wenn man die letzte Szene - eine Schlüsselszene für eine Fortsetzung - außen vor lässt, ist die Serie in acht Folgen gut erzählt und rund beendet. Zwar bleiben Fragen offen, doch das Leben geht nunmal weiter auch nach dem Abschnitt der Geschichte, die wir zu erzählen hatten. Es ist nicht wichtig, diese Fragen zu beantworten. Der Abschluss funktioniert.
Doch weil wir alle nicht genug davon bekommen können, wollen wir natürlich mehr. Wir wollen nicht nur dieses LiS-artige Spiel, wir wollen eine Fortsetzung. Eine zweite Staffel, vielleicht eine dritte und vierte. Und zu unser aller Freude wurde diese Ende August offiziel angekündigt. So stay tuned!

Kommentare:

  1. Spannende Review.Ich kommentiere natürlich mal wieder und lobe,dass ich das hier gelesen habe.Mach weiter so!

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    1. Wie immer freue ich mich riesig, dass meine Review dir gefallen hat! Danke.

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  2. Kein Probelem :)

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