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Die Wanderer

Die Wanderer - Kurzgeschichte
Die Welt um mich herum ist laut. Unendlich laut und wirr. Die Menschen um mich herum wuseln wild wie tüchtige Ameisen, jedoch weniger gut koordiniert. Sie reden laut und vollkommen durcheinander, schnattern wie Gänse vor sich hin. Um all dem nur für einen Moment zu entfliehen, rette ich mich in den Schutz dröhnender Musik, die meine Umwelt übertönt, sie verklingen lässt, mein Bewusstsein voll einnimmt.

Wie sehr wünschte ich, es gäbe einen Lautstärkeregler für die Welt. Selbst jetzt noch dringt das unangenehme Rauschen an mein Ohr. Menschen die sich lautstark unterhalten, einander übertönen um sich überhaupt zu verstehen. Der Mensch drei Reihen weiter, der in fremder Zunge in sein Telefon brüllt, als müsse er die Distanz zu seinem Sprecher mit Lautstärke ausgleichen, als müsse er über den halben Erdball hinweg schreien um verstanden zu werden. Das quängelnde Kleinkind das sich mit der so neuen und unbekannten Umgebung nicht recht anfreunden will, das Aufmerksamkeit, Ablenkung und Schutz wünscht. Das Grollen der Motoren. Das Scharren der Räder. Der peitschende Wind an Scheiben und Wänden. Das Zischen bei Gegenverkehr. Alles ist so laut. Unendlich laut. Es hallt in meinem Kopf nach selbst dann noch, wenn ich in völliger Stille sitze.

Mein Blick fällt aus dem Fenster. Draußen zieht eine andere Welt vorüber, eine Welt die dieser hier drin niemals gleichen wird. Eine Welt so völlig anders. Sie rast. Nein sie rastet, während wir rasen. Verschwimmt und verschwindet vor meinen Augen. Als sei sie nur ein verblassendes Photo vergangener Zeiten. Bäume schieben sich ins Bild und verschwinden wieder. Felder, braun und trocken, vom kalten Winter geplagt, längst noch nicht erblüht. Vereinzelte Häuser, ein kleines Dorf. Feldwege. Ein Traktor.

Erst als die ersten Anzeigen der Vorstadt auftreten, ändert sich etwas. Die Wanderer treten auf den Plan. Sie beginnen, sich in Bewegung zu setzen. Müde Körper schleppen sich träge ihres Weges entlang. Andere sind aufgedreht, wach, geradezu hektisch. Doch eines haben sie gemeinsam. Zeitmangel.
Wir haben noch etwa die Hälfte die Weges vor uns. Für die Wanderer das Zeichen. Sie bevorzugen es, sich zu erheben, ihre sich mühsam ergatterten Sitzplätze aufzugeben und gen Spitze zu ziehen. Sie geben die Bequemlichkeit auf, um dem Stress und der Hektik Raum zu bieten. Zeit ist Geld. Zeit Mangelware. Also quetschen sich die Wanderer vorbei an all den Stehenden, zwingen die auf den Treppen Sitzenden zum Aufstehen, all jene die keine Sitzplätze mehr abbekamen. Und sie wandern wie von selbst, wie fremdgesteuert.

Ich bleibe sitzen, auf meinem Klappsitz und starre aus dem Fenster. Meist bin ich es, die die Treppe für sich beansprucht. Auf meinen Ohren dröhnt noch immer die Musik, laut, doch nicht laut genug. Häuser ziehen an uns vorüber, Straßen und Straßenschilder, Strommasten. Wir überqueren eine Brücke, unten stehen Autos an einer roten Ampel. Schallschutzwände. Wir nehmen eine Unterführung. Alles ist voll von Graffiti. Einfallslose Tags und auffällige Kunstwerke. Schwarz-weiß Bilder, Kontrastkarikaturen, Comic, Schriftzüge. Ein Bild von Gandhi. Jemandem ging die gelbe Farbe aus, die Simpsons wurden grün.
Die Schienen werden mehr. Aus zwei Gleisen wurden vier, dann acht. Ich kann sie im Vorbeifahren kaum mehr zählen. Bahnhöfe warten in immer kürzeren Abständen darauf, Passagiere in Bahnen quetschen zu können. Die Zeit verfliegt.

Als der Zug endlich zum Stehen kommt und ich den Bahnsteig entlang schlendere, kann ich im Inneren noch immer die Wanderer beobachten. Sie zwängen sich auf engstem vorwärts, drücken gen Lok, wollen zur vordersten Türe, wollen die Ersten in Freiheit sein. Ihnen fehlt doch die Zeit, die Geduld, die Ruhe. Der vorderste Wagon ist voll. Langsam und tropfenweise fallen die Leute aus der Tür und schlagen ihren geplanten Weg ein. Ich gehe zur S-Bahn, das Lied wechselt, die Wanderer warten darauf, ins Freie zu treten.

Kommentare:

  1. Dachte erst an Fantasy, dann doch real. Sehr schöne Geschichte.

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    1. Fantasy, tatsächlich? Interessant. Freut mich, dass sie dir gefällt.

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