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Wenn der Endboss gelegt ist

Indie Games Review/Rezension: Littlewood

Die Schlacht ist gekämpft, der Endboss geschlagen. Ein Land regiert von Furch und Hass, bedeckt vom dunklen Wolkenschleier eines größeren Übels wurde erlöst. Endlich kann es aufatmen, gar hoffen. Als Krieger bist du in die Schlacht gezogen, Gefährten an deiner Seite, Freunde. Als Held kehrst du zurück.

 Wir alle kennen sie, die RPGs in denen wir der Held sind, der Auswählte, der einzige der das Land vor grausamem Schrecken und dem Untergang bewahren kann - oder wahlweise die. Doch was geschieht danach? Der Untergang des Endboss mag ein glorreiches Ende sein, doch ist er nicht zugleich der Beginn eines neuen Abenteuers? Denn was wird aus den Helden die für Ruhm und Frieden kämpften, wenn es nichts mehr zu umkämpfen gibt?

Indie Games Review/Rezension: Littlewood

Sean Young ist der Developer des erfolgreich gekickstarterten Projekts Littlewood, in dem er sich mit genau dieser Frage beschäftigt hat. Das Spiel ist ein liebevoll und minimalistisch gepixeltes Farming-Game, das uns als Spieler ganz im Stil von Stardew Valley ein Areal aufbauen und bewirtschaften lässt. Und doch spielt es sich ganz anders.

Der Protagonist von Littlewood, also wir, ist der groß gefeierte Held des Landes, der den dunklen Magier bezwungen und seine Horden vertrieben, den Frieden zurück in die Städte und Herzen der Leute gebracht hat. Nur dass wir uns an absolut nichts davon erinnern. 

Das Spiel beginnt und wir finden uns in einem nahezu verlassenen Wald wieder, ein ehemaliges zerstörtes Dorf wie es scheint. Neben uns befinden sich zwei weitere Personen dort, Willow und Dalton, die behaupten unsere Freunde zu sein, gar mit uns gemeinsam gegen den dunklen Magier gekämpft zu haben. Sie schlagen vor, wir sollten, nun da der Krieg beendet ist, ein neues Leben beginnen und unser eigenes Dorf aufbauen. Und damit beginnt unser Abenteuer, nach dem Abenteuer.


Der Vergleich zu Stardew Valley - was ist ähnlich, was ist anders?

Littlewood fügt sich recht gut in das Farming und Life Simulation Genre ein, wenngleich es neben vielen Parallelen auch einiges anders angeht. Uns steht eine Sandbox voller Möglichkeiten zur Verfügung, die wir ganz nach unseren Vorstellungen gestalten können. Wege bauen? Kein Problem. Früchte und Obstbäume anpflanzen? Nur zu. Gebäude platzieren und Crafting betreiben? Unbedingt! Terraforming. Oh Junge! Selbst flirten und daten können wir die NPCs um uns herum. Doch etwas ist anders.

Bei diesem Spiel handelt es sich natürlich nicht um eine herkömmliche Farmsimulation, allein deswegen, weil wir keine Farm bewirtschaften. Zwar ist es möglich Felder anzulegen, doch diese müssen nicht herkömmlich bewirtschaftet werden. Gemüse wächst auch ohne unser Zutun oder die Notwendigkeit von Waaser. Stattdessen kümmern wir uns um unser kleines Dorf, dessen Bürgermeister - oder wie auch immer wir uns gerne betiteln lassen - wir fortan sind.

Mit fortschreitender Spielzeit gewinnen wir neue Einwohner für unserer Dörfchen, Leute die hörten wie wunderbar es bei uns sein soll und gerne bei uns leben möchten. Jeder von ihnen bringt etwas für die Gemeinschaft mit. Neben einem Wohnhaus das wir frei platzieren und einrichten können, trägt jeder Neuankömmling auch ein wirtschaftlich relevantes Gebäude zur Vergrößerung des Dorfes bei. So wünscht sich beispielsweise Dalton gleich zu Beginn unserer Reise seinen eigenen Laden, in dem wir später Items und Blaupausen zum Craften erwerben können.

Diese Gebäude lassen sich anschließend mit Währung und Baumaterialien aufwerten, um daraus seltene Items zu erhalten und neue Möglichkeiten freizuschalten. Um das Beispiel des Geschäfts aufzugreifen: Dieses hat sechs Verkaufsflächen, die in regelmäßigen Abständen mit Waren befüllt werden. Zu Beginn ist die Auswahl der Waren klein und nicht alle sechs Felder werden befüllt. Werten wir allerdings den Laden auf, erhalten wir ein breiteres Sortiment das mehr der vorhandenenen Slots befüllt.

Indie Games Review/Rezension: Littlewood

Auch Fertigkeiten gibt es, die je nach Frequenz der täglichen Anwendung über Nacht gelevelt werden. Hacken wir also besonders viel Holz, erhalten wir besonders viele XP dafür. Eingangs war mir nicht klar, wofür die Skills überhaupt relevant sind, bis ich eine größere Vielfalt an Gebäuden freigeschaltet hatte und feststellen durfte, dass mit steigendem Fertigkeitenlevel die Möglichkeiten bestimmter Gebäude Areale zunehmen.

Indie Games Review/Rezension: Littlewood

Areale? Ja. Sieht man sich ein Spiel wie Stardew Valley an, dann wird man eine einzelnbe große Map vorfinden, auf der sich die Farm des Spielers und eine Stadt befinden. Alles in einem Areal. Selten gibt es andere Orte die bereist werden. Littlewood hingegen beschränkt uns - zunächst - auf unser Dorf. Wenn wir allerdings einen Ballonlandeplatz freispielen, eröffnet uns das die Möglichkeit das Dorf zu verlassen, um im Endlosen Wald oder den Staubhöhlen nach Materialien zu suchen. Sehen wir uns nun die Staubhöhlen genauer an, stellen wir fest, dass sie über drei Höhleneingänge verfügen, die uns in kleine Dungeon Areale bringen. Betreten können wir davon anfangs jedoch nur einen. Wenn wir nun aber Mining auf höheres Level bringen, erlaubt uns das auch die anderen Eingänge zu besuchen. Das ist wiederum nur ein Beispiel der Möglichkeiten die sich durch das Leveln von Skills ergeben können.

Indie Games Review/Rezension: Littlewood
Wie bereits erwähnt ist es uns vergönnt, die große Liebe zu finden und mit den NPCs zu flirten. Hier zeigt sich einer der größten Unterschiede zu anderen Vertretern des Genre. Das Anbandeln mit anderen Figuren verläuft in den meisten Spielen sehr ähnlich: Wir labern sie einmal am Tag eher lieblos an, drücken ihnen ein materielles Geschenk in die Hand, das sie bereits 38 Mal rumliegen haben, natürlich alle Exemplare von uns und warten dann auf ein Herzevent. Ein System das sich bewährt und doch einen bitteren Beigeschmack hat.
Littlewood gibt uns ein Freundschaftssystem das erheblich weniger schlechtes Gewissen heraufbeschwört. Anstatt die Leute täglich anzusprechen und einen immer gleichen Satz zu hören, der sich mit der nächsten Freundschafts- oder Herzstufe ändert, erzählen uns die Figuren hier tatsächlich regelmäßig neue Geschichten aus ihrem Leben oder was sie an diesem Tag vorhaben. Natürlich steigert die Häufigkeit der Interaktion das Freundschaftslevel, irgendwie muss man die Zahlen dahinter schließlich angehen. Doch statt unserem Schwarm ein Geschenk zu geben, können wir ihm Komplimente machen und darum bitten, den Tag mit uns zu verbringen.
Letzteres ist eine Mechanik die mir persönlich intensive Kindheits Backvibes gegeben hat, da sie mich an die erste Pokemon Generation erinnert, die gelbe Edition in der Pikachu einem treu hinterherläuft. Oder aber die Naturzone. Ich habe geliebt. Nach dem gleichen Prinzip funktioniert auch der Hangout. Bitten wir jemanden mit uns rumzuhängen, wird die Person uns auf Schritt und Tritt verfolgen. Das ist nicht nur unheimlich liebevoll und stärkt die Freundschaft zu den Figuren, sondern hat auch noch spielerischen Mehrwert. Immer wenn wir Arbeiten verrichten, besteht nämlich eine Chance, dass unsere Begleitung Gegenstände oder Geld findet, die sie uns schenkt.

Ein System das mich anfangs etwas irritierte, da ich es erst nach einigen ingame Tagen bemerkte, ist der Tag-Nacht-Wechsel. Anstatt eine festgelegte Zeit pro Tag verstreichen zu lassen, wie es viele Spiele tun, ist die Tageszeit an unsere Ausdauer gebunden. Immer wenn wir eine Arbeit verrichten, verlieren wir ein wenig Ausdauer. Jeder verlorene Ausdauerpunkt, lässt die Uhrzeit weiter votanschreiten, bis es schließlich dunkel wird, wenn wir kaum mehr Ausdauer übrig haben.


Und wie ist es nun?

Von mir ist Littlewood eine klare Kaufempfehlung. Mit gerade einmal 10€ hat man definitiv nichts verloren, bei einem Spiel das so viel Content liefert und uns die Möglichkeit gibt, eine kleine aber lebhafte Welt von Grund auf zu erforschen und kennenzulernen. Wer keinen Zehner übrig hat, kann das Spiel stattdessen auf Steam in die Wishlist setzen und damit den Entwickler unterstützen.

Das Spiel bietet unheimlich viel zu entdecken, ohne uns dabei zu stark an die Hand zu nehmen. Wir werden beim Spielen auf viele Dinge hingewiesen, auf ihre Existenz, aber es wird nicht in ellenlangen Konversationen zerpflückt, was genau wir da tun können. Nein, das herauszufinden bleibt letztendlich uns selbst überlassen. Und genau das ist das Schöne an Littlewood. 

Außerdem hat es etwas Meditatives. Da wir bereits der Held des Landes sind, besteht keine Notwendigkeit mehr zu kämpfen, ganz im Gegenteil, wir haben nicht einmal die Möglichkeit dazu. Stattdessen gibt es uns einen Schauplatz an dem wir friedlich und seelenruhig tun und lassen können, was wir möchten. Keine Gegner, keine Herausforderung, kein Druck. Lediglich das Angebot, Dinge zu tun, um Leuten ein schönes Leben zu ermöglichen.

Indie Games Review/Rezension: Littlewood

Als kleines Extra obendrauf, ist das Spiel soweit ich es bisher erkennen konnte, vollkommen Geschlechtsneutral. Zu Beginn können wir unseren Charakter erstellen, wozu wir uns für eine Frisur, eine Haar- und Hautfarbe, eine Klamotte, eine primäre Persönlichkeit und einen Namen entscheiden. Mehr nicht. Keiner der Charaktere mit denen ich bisher interagiert habe, betitelt andere Figuren mit deren Geschlecht. Stattdessen wird im Gespräch der Name verwendet, um eine Person zu referenzieren. 

Mir macht es unheimlich viel Spaß und ich kann es jedem nur wärmstens empfehlen, der Pixel RPGs, Farming Simulation und entspannende Spiele für Zwischendurch zu schätzen weiß.

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