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Frei Schnauze
Allmählich verstehe ich


Wenn die Medien davon reden, wie viele sexuelle Übergriffe jährlich stattfinden und wie viele davon angezeigt werden, reden sie von Zahlen und Fakten, sie sprechen von Unverständnis und davon, dass Betroffene sich trauen sollen. Wie soll Betroffenen geholfen werden, wenn sie nicht nach Hilfe fragen. Sie zeigen auch Negativbeispiele, wie das hart diskutierte Gerichtsverfahren um Gina-Lisa, die sogar ein Video ihrer Vergewaltigung vorweisen konnte, leider. Doch sie sprechen nicht davon, wie es sich anfühlt, wie es ist damit zu leben, was es für Konsequenzen hat. Sie machen sich ihr eigenes Bild, doch sie reden nicht mit Betroffenen.
Achtung Triggerwarnung! Dieser Beitrag behandelt den Umgang mit Vergewaltigung und deren Konsequenzen.

Mir ist schlecht. Ich hätte nicht gedacht, dass es so schwer ist, über dieses Thema zu schreiben, zumal ich all das auch schon einmal in mein "Tagebuch" schrieb.

Die letzte Woche war schwer für mich und unter Anderem auch der Auslöser, dafür dass ich diese Texte nun tatsächlich verfasse. In der letzten Woche habe ich gelernt, warum so viele Betroffene, es vorziehen, sexuelle und/oder gewaltvolle Übergriffe nicht anzuzeigen. Ich habe gelernt, warum viele es bevorzugen, still zu bleiben, was sie von einer Anzeige abhalten könnte. Natürlich kann ich nicht für andere sprechen, doch ich kann für mich sprechen. Und allmählich bereue ich diesen Schritt.



Der Freundeskreis
Die ersten mit denen ich über das Thema sprach, waren meine Freunde und zwar noch in der selben Nacht. Ich informierte sie darüber, dass etwas geschehen war und entschuldigte mich, dafür nicht auf sie gehört zu haben. Eigentlich wussten wir alle, dass es im schlimmsten Fall soweit kommen konnte. Dennoch hatte ich die Augen davor verschlossen.
Sie reagierten betroffen. Sie wollten mir helfen, fragten nach. Doch sie waren auch überfordert. Ich kann es niemandem verdenken. Wie soll man schon mit so einer Information umgehen. Das macht es mir jedoch nicht leichter.
Jedes Gespräch und jeder harmlos gemeinte Witz in dem Sexualität oder vermeintliche Gewalt vorkommen, selbst ein Songtext, rufen bei mir Flashbacks hervor. Ohne es kontrollieren zu können, sehe ich Bilder vor mir, höre seine Stimme und seinen Hohn, ich spüre seine Hände. Ohne es kontrollieren zu können, packt mich die Panik und ich fange an zu weinen.
Das kann niemand verhindern. Niemand weiß, welches Wort, welcher Satz, welche Bewegung oder Berührung diese Reaktion hervorrufen. Auch ich nicht. Und es ist anstrengend. Für mich. Und für sie.



Die Familie
Ich bin mir ziemlich sicher, dass meine Mutter sehr früh bescheid wusste, auch wenn es mich Tage oder Wochen Überwindung kostete, mit ihr darüber zu sprechen. Genau genommen kostet es mich generell viel Überwindung, mich überhaupt mit dem Thema zu befassen und noch mehr, darüber zu sprechen egal mit wem.
Das Gespräch über den Vorfall tat weh, obgleich keine Details aufkamen. Ich weiß nicht mehr, ob ich mehr Angst davor hatte, die Bilder hervorzukramen oder ihre Reaktion zu erleben. Ich weiß nicht mehr, ob es mehr wehtat, Dinge unausgesprochen zu lassen oder sie damit zu belasten. Es war eine grauenvolle Situation. Für uns beide.
Meinem Bruder habe ich bis heute nicht davon erzählt. Ich habe keine Kraft dazu. Vielleicht sollte ich es jedoch tun, bevor dieser Beitrag online geht. Ich weiß es nicht. Es überfordert mich.



Die Arbeit
Ich kann es kaum in Worte fassen. Meine Vorgesetzten, ich hatte persönlich nur mit zweien darüber gesprochen, versicherten mir hundertfach ihre Unterstützung. Sie versprachen mir, dass kein Wort an die falschen Ohren gelangen würde. Sie versicherten mir, mit den Kollegen zu sprachen, die es bereits wussten und sie um Diskretion zu bitten. Sie versprachen mir Frühschichten, um mich nicht nachts allein in die Welt zu schicken. Es fielen sogar Worte wie "Verachtung" und dass streng durchgegriffen werden sollte, sollte einer der Kollegen offensiv auf mich zukommen, wegen dieses Vorfalls.
Ich fühlte mich unterstützt und sogar ein wenig verstanden. Ich war dankbar. Anfangs.



Die Behörden
Ein leidiges Thema. Deutsche Behörden sind schonungslos unterbesetzt und überarbeitet. Bis ich von ihnen hörte, vergingen Wochen und die Informationen waren mehr als ernüchternd.



Die Therapeutin
Auch mit ihr sprach ich über das Thema. Keine Einzelheiten, nur mein Befinden. Das Thema Schweigepflichtenbindung war ein großer Punkt. Größer als mir lieb war. Eigentlich wollte ich mir nur all den Frust, all die Angst und Verzweiflung von der Seele reden. Irgendwann tat ich das. Sie hörte nur zu. Was hätte sie auch sagen sollen. Es war in Ordnung, denn es half.



Tag X
Tag X war nicht wirklich ein spezifischer Tag, eher ein undefinierbarer Zeitraum. Der Zeitraum in dem ich meinen neuen Freund kennenlernte. Wir schrieben schon eine ganze Weile, Monate, hatten uns aber nie getroffen. Interessanter Weise wirkte er von Beginn an eine gewisse Ruhe auf mich aus. Seine Art hilft mir, selbst ruhiger zu werden. Das wiederum hilft mir, mit dem ganzen Thema besser umzugehen, es zu verarbeiten, die Angst allmählich zu verringern.
Wenn ich so darüber nachdenke, vielleicht war Tag X der, an dem er mich fragte, ob ich seine Freundin sein möchte. Ich war unheimlich glücklich in diesem Moment und das obwohl ich eigentlich gar keine Beziehung wollte. Aber die Zeit mit ihm erschien es mir wert zu sein, diesen Gedanken über Bord zu werfen.

Seit ich meinen Freund kenne, fällt es mir leichter, an dieser Haltestelle vorbeizufahren. Es fällt mir leichter aus dem Fenster zu sehen und mich zu fragen, ob dieser Kerl dort draußen irgendwo ist. Und vorallem fällt es mir leichter, mir nicht vorzustellen, er käme gleich durch die Tür und würde mich mit einem Todesblick strafen, mich beim Aussteigen verfolgen und mir wehtun wollen.
Seit ich meinen Freund kenne, fällt es mir leichter, schmerzhafte Gedanken zu unterdrücken. Ich habe seltener den Drang, mir worst case Szenarien vorzustellen, in denen ich in einer menschenleeren Straße überrumpelt werde. Szenarien in denen dieser Kerl vor der Arbeit auf mich wartet, in die U-Bahn steigt, vor meiner Haustür steht.
Es fällt mir leichter, die negativen Gedanken loszulassen. Ich werde ruhiger.



Tag Y
Doch dann kam dieser Tag. Der Tag mit dem Brief. Wenn ich nun so darüber nachdenke, hatte sich trotz allem einiges in mir angestaut. Ich versuche seit gut einem Jahr, eine Wohnung in München zu finden, weil ich seit zwei Jahren mit der S-Bahn zur Arbeit pendele. Eine S-Bahn die regelmäßig zu spät kommt, ausfällt oder Bauarbeiten auf der Strecke hat. Teilweise komme ich nachts nach der Arbeit nicht nach Hause. Doch eine Wohnung finde ich nicht. Seit Juli ist meine Bahnstrecke komplett gesperrt und wird nur per SEV betrieben, der zu unmöglichen Zeiten fährt und es mir nahezu unmöglich macht, in die Arbeit zu kommen, geschweige denn danach nach Hause. Doch eine Wohnung finde ich nicht. Mein Vorgesetzter hat den Arschloch-Modus rausgekramt und verhält sich mir gegenüber unmöglich. Meine Chefin hat meine Beförderung abgelehnt und dabei eine Begründung einfließen lassen, die sich wie blanker Hohn anfühlt. Die Behörden schicken mir einen Brief, in dem steht, die Anklage sei fallen gelassen worden. All das belastet mich mehr, als ich bisher begriff. Es raubt mir alle Kräfte.


Es häuft sich an. Es häuft sich zu einem riesigen Haufen Scheiße an.
Als dieser Brief kam, erkannte ich, wie viel ich momentan ertrage, wie viel ich wegstecke und verdränge, wie viel Last auf meinen Schultern liegt, ohne dass ich sie beachte. Das erste das mir wie Schuppen von den Augen fiel, war das Verhalten meines Vorgesetzten.
Er hatte versprochen, mir Frühschichten zu geben, hatte das aber nach zwei Wochen bereits wieder eingestellt. Meine nächtliche Paranoia hatte sich aber nicht eingestellt. Ich biss also die Zähne zusammen, lief weiterhin nachts im Dunkeln vom Bahnhof nach Hause und verfluchte ihn jede Nacht voller Hass. Er hatte versprochen hinter mir zu stehen, behandelt mich aber seit einem unnötigen Streit wie Abschaum. Sein Verhalten mir gegenüber ist für mich unerträglich. In mir staut sich eine Menge Wut an und erst jetzt habe ich realisiert, wie gerne ich ihm all das ins Gesicht sagen möchte. Wie gern ich ihm sagen will, dass ich mich von ihm hintergangen und verarscht fühle.

Danach kam die Erkenntnis über das Bewerbungsgespräch für eine Beförderung. Ich bin keine überaus freundliche Person, niemand der dafür geeignet ist, dem Kunden in den Arsch zu kriechen und mit einem gefälschten Lächeln in der Fresse zu allem Ja und Amen zu sagen. Wenn mir ein Gast blöd kommt, mich beleidigt oder ich einen schlechten Tag habe, dann vertusche ich das nicht. Mit dieser Eigenschaft bin ich in der Dienstleistung an der falschen Stelle, das weiß ich. Dennoch arbeite ich in einem Kino. Dennoch habe ich mich für eine höhere Position beworben.
Meine Chefin verweigerte mir diese Beförderung. Sie nannte als Grund unter anderem meine mangelnde Freundlichkeit, an der ich aber bereits gearbeitet und Fortschritte gemacht hätte. Sie war sehr sachlich und darauf bedacht, nichts falsches zu sagen. Doch unter den Begründungen und Beschwichtigungsversuchen versteckte sich ein Satz, den ich erst wegwischte und hinnahm, wie sie ihn mir präsentierte. Erst jetzt begreife ich, wie sehr mich dieser Satz verletzt. Wie sehr er sich nach blankem Hohn anfühlt.

"Was werden wohl die Kollegen denken, wenn ich Sie nach diesem Vorfall befördere. Das würde einen falschen Eindruck machen."

In mir tun sich so viele Gedanken auf. Die Kollegen. Die Kollegen wissen vielleicht gar nichts von diesem Vorfall. Er hat Hausverbot, das wissen sie. Doch wissen sie warum? Wissen Sie wegen wem? Wissen sie überhaupt, dass ich in irgendwas involviert wurde? Wie ich bereits erwähnte, hat mich niemand darauf angesprochen. Entweder werde ich also von allen Seiten belogen und bevormundet oder sie baut ihre Argumentation auf Eventualitäten auf.
Ungeachtet  dessen. Die Kollegen?! ICH bin diejenige die geschädigt wurde, die Höllenqualen durchlitt, Todesängste hatte und nun mit all dem leben muss. Ich bin diejenige die traumatisiert ist und ständig Flashbacks hat, sogar davon träumt, die Angst hat nachts im Dunkeln allein zu sein, verdammt, ich und nicht die vollkommen unbeteiligten Kollegen, die weder anwesend waren noch irgendeine Ahnung haben was passiert ist. Selbst wenn es ihnen erzählt wurde, haben sie verdammt noch mal keine Ahnung.
Wer gibt ihr also das Recht, aus meinem Leid und meiner Schädigung eine Begründung gegen eine Beförderung zu machen?
Ich kann damit leben, diese Stelle nicht bekommen zu haben. Ich kann mit dem Argument der Freundlichkeit leben. Aber ich kann nicht hinnehmen, dass etwas das ich ihr im Vertrauen erzählte, nun gegen mich verwendet wird. Im Gegenteil, ich bereue sogar, so viel Vertrauen aufgebracht zu haben, mit meinen Vorgesetzten darüber zu reden. Letztendlich fühle ich mich hintergangen. Das einzig Gute, das für mich daraus resultierte, war das Hausverbot.

Und dann war da noch dieser Brief.
Die Anklage gegen blabla wegen Vergewaltigung blabla wurde fallen gelassen. Fehlende Beweislast blabla Aussage gegen Aussage blabla Mitbewohner hatte Oropax benutzt blabla Angeklagter streitet Vorwürfe ab blabla Opfer sei devot blabla nicht davon auszugehen, dass blabla, warte WAS?
Ich habe diesen Brief nur überflogen. Bereits als ich das Endresultat, Anklage fallen gelassen, gelesen hatte, war mir so übel und schwindelig, dass ich den Wisch erst mal beiseite legen musste. Eine halbe Stunde später versuchte ich es erneut. Drei Seiten. Ich überflog die Zeilen. Alles Bullshit. Alles verharmlost. Alles zu seinen Gunsten. Ich wollte heulen, doch selbst dazu war ich zu schwach. Und dann stand da diese eine letzte Sache.

"Die Geschädigte bezeichne sich selbst als devot. Im Zuge dessen konnte der Angeklagte nicht mit Sicherheit davon ausgehen, dass sie einen gröberen Umgang ablehnte."

Nicht wortwörtlich sondern sinngemäß. Ich schaffe es nicht, diesen Brief zur Hand zu nehmen und ihn noch mal zu lesen, um dann die genauen Worte abzutippen. Im ersten Moment sowie auch jetzt dreht sich mein Kopf. Ich bin devot. Das heißt ich bin masochistisch? Das heißt halb ohnmächtig gewürgt werden und heftig geschlagen werden, gefallen mir? Ich mag das also? Weil ich devot bin? Und weil ich devot bin, ist das was er tat, keine Straftat? Weil ich hätte das ja mögen können? Obwohl ich nein sagte. Das nein gehörte zum Spiel oder was? Das Schreien vor Schmerzen, das Betteln und Flehen. Alles kein Argument?
Er habe angeblich aufgehört, als ich "aua" sagte. War seine Aussage, steht so in dem Brief. Hat er aber nicht. Ich habe ihn mit Füßen von mir schieben müssen, um ihn loszuwerden. Ich habe geschrien und ihn mehrmals elendig angefleht, mich in Ruhe zu lassen, mich gehen zu lassen. Er machte weiter. Es war ihm egal. Er drohte mir dafür sogar weitere Schläge an. "Hör auf dich zu wehren, dann ist es schneller vorbei", sagte er. Ich fühlte mich wie in einem schlecht geskripteten Rape-Porno oder D-Film. Aber weil er das aussagt, weil er sagt, er habe aufgehört, passt das schon?

Das ist es, was man immer und überall hört. Diese Entscheidung. Deswegen wollen Opfer eine Vergewaltigung nicht anzeigen. Es kostet Nerven, es kostet Kraft und Überwindung, es macht einen kaputt. Man offenbart sich gegenüber Leuten, die absolut keine Ahnung von der menschlichen Psyche haben. Man zieht blank, physisch wie psychisch. Vor Behörden die gar nicht wissen, was es heißt, in dieser Lage zu sein. Und am Ende wird auf einen geschissen. Am Ende sagt der Täter, er wusste nicht, dass das Opfer das nicht wollte und ihm wird Recht gegeben.

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