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Frei Schnauze
x Tage danach


Das Ding mit den Päckchen ist, sie werden im Laufe des Lebens nicht weniger, nicht kleiner, stattdessen häufen sie sich an und stapeln sich auf einander. Zumindest ist das bei mir so. Zumindest empfinde ich es so. Ich versinke unter Paketen.
Achtung Triggerwarnung! Dieser Beitrag enthält sensible Themen über sexuelle Gewalt und Missbrauch. Es fiel mir nicht leicht, diese Zeilen zu schreiben.

Anfangs habe ich die Stunden gezählt, später die Tage, dann dachte ich es würde besser. Mein "Tagebuch" war seitenweise nur noch betitelt mit "x Tage danach". Dann kam Tag X. Und dann Tag Y. Ich hatte gehofft, es würde besser werden. Ich hatte angefangen, damit umgehen zu lernen. Doch dann kam der Rückschlag. Im Moment hoffe ich nur noch, dass ich keinen Eintrag schreiben werde, der den Titel "Tag Z" trägt.

Es war Ende März. Ein Teil von mir flüstert mir unaufhörlich ein, ich wäre selbst schuld gewesen. Ein anderer Teil weiß, dass ein mehrfach ausgesprochenes "Nein" längst hätte reichen müssen.
"Nein, ich will das nicht. Hör auf. Du tust mir weh. Ich habe Angst. Lass mich gehen. Bitte, ich will nach Hause."
Ich hatte in meinem Leben noch nie solche Angst, noch nie solche höllischen Schmerzen. Für einen Moment dachte ich, ich könnte dort sterben. Ununterbrochen habe ich gefleht, gehen zu dürfen. Ich wollte weg. Ununterbrochen habe ich geweint. Ich habe geschrien. Es war ihm egal.
"Wenn du noch einmal bitte sagst, schlag ich dich."
Dabei hatte er mich in diesem Moment bereits blau geschlagen. Ich werde wohl nie vergessen, wie es sich anfühlte, von innen erstickt zu werden, wie es sich anfühlte beinahe ohnmächtig gewürgt zu werden, wie es sich anfühlte, sich wehren zu wollen, aber nicht zu können. "Nimm die Hände runter", sagte er und ich schwankte innerlich zwischen dem Drang mein Gesicht vor weiteren Schlägen zu schützen und der Angst, was wohl passieren könnte, wenn ich mich ihm widersetzte.


Irgendwann wurde es ihm wohl zu blöd. Er ließ mich los. Ich stürmte zur Tür, wollte raus, wollte weg. Ganz weit weg, Schnell weg. Für immer weg. Doch er hielt mich auf. Er nahm mein Gesicht in eine Hand und zwang mich, ihn anzusehen, er fragte, ob ich noch einen letzten Kuss wolle.
Ich hasse mich ein wenig dafür, dass ein Teil von mir diesen Kuss wirklich wollte. Doch der Teil der wusste, wenn ich jetzt nicht wegkam, würde schlimmeres passieren, war stärker.
So ließ er mich aus dem Zimmer. Ich zog mich an, nur das nötigste. Dabei stand er triumphierend über mir, zwang mich ihn anzusehen und schlug mich erneut. Ich nahm all meine Sachen und rannte zur Tür. Ich rannte weg, versteckte mich, versuchte mich zu beruhigen während die Tränen unaufhörlich meine Wangen hinunter liefen. Ich zwang mich, leise zu sein, stellte mein Handy auf lautlos als er mich dann auch noch anrief. Ich hatte Angst, er würde mir folgen.
"<3lichen Glückwunsch"
"das hast du aus mir gemacht"
Ich las seine Worte voller Verzweiflung. Nach einigen Minuten suchte ich nach der nächsten Polizeiwache und lief dorthin, fühlte mich ständig von ihm verfolgt.

Eine Anzeige aufgeben, macht keinen Spaß. Es ist nicht leicht. Nicht in dieser Situation. Ich stand unter Schock, war verängstigt und paranoid. Ich dachte, wenn ich diese Polizeistation verlasse, wird er dort stehen und mir wehtun. Ich konnte kaum reden vor lauter Tränen und Schluchzen. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.
Die Polizisten waren verständnisvoll und freundlich. Sie versuchten mich zu beruhigen. Doch die Frauen im Kriminaldezernat, die meine Aussage aufnahmen, verunsicherten mich. Ich bekam vielleicht die Hälfte der Geschehnisse zusammen. Der Rest verschwamm mit Angst, Verzweiflung und Schock. Fragen über Fragen. Ob ich Drogen genommen hatte. Am ganzen Körper wurde DNA gesichert. Photos wurden gemacht. Beweise gesichert. Ich saß ewig in diesem kleinen Büro. Mir war unwohl. Ich fühlte mich nicht mehr wie das Opfer, sondern eine potenzielle Lügnerin.
Der Weg zur Kriminalärztin war nicht leichter. Sie hatte zwar Verständnis und war ungemein vorsichtig, doch ich wusste, sie hatte nichts zu entscheiden. So wurden tausende weitere Photos gemacht. Tausende weitere DNA Proben genommen. Alles wurde protokolliert. Vier Stunden hatte ich dort insgesamt verbracht. Es war vier Uhr morgens. Mittlerweile fuhr die erste S-Bahn wieder. Ein Teil von mir wollte nur noch nach Hause und für immer schlafen. Ein anderer hatte Angst vor die Tür zu gehen, alleine in einer S-Bahn mit lauter Fremden zu sitzen.

Ich meldete mich krank. Zwei Wochen. Verkroch mich Zuhause.

Ich erzählte meinen Freunden davon. Bat um Unterstützung. Seelische. Versuchte mich oft mit ihnen zu treffen, mich abzulenken.

Dann redete ich mit meinem Vorgesetzten darüber. Immerhin war er ein ehemaliger Arbeitskollege. Ich hatte Angst, ihm auf Arbeit zu begegnen. Wir sprachen mit der Chefin. Er bekam Hausverbot.

Eine andere Kollegin schrieb mir. Er sei seit Tagen nicht erreichbar, ob ich etwas wisse. Ich wusste, er saß in Untersuchungshaft. Das konnte ich ihr nicht sagen.

Nach acht Tagen schrieb sie mir, er sei wieder aufgetaucht. Mein Herz explodierte und blieb dann stehen.

Stunden später schrieb sie erneut. "Hast du ihn wegen Vergewaltigung angezeigt?"

Ich hatte Urlaub, war seit drei Wochen nicht arbeiten. Mein Urlaub wurde verlängert. Ich konnte dort nicht hin. Zwei Kollegen wussten davon. Von ihm. Wie viele würden es noch wissen? Würden sie mich ansprechen? Verurteilen? Verachten? Mir die Schuld geben? Auf seiner Seite stehen? Oder würden sie zu mir halten?

Mein Vorgesetzter rief mich an, sagte mir, es würden mittlerweile wohl alle wissen.

Ich ging wieder arbeiten. Niemand sprach mich darauf an. Bis heute nicht.

Die Angst bleibt. Auch wenn er Hausverbot hat, habe ich Angst, er könnte vor der Tür stehen. Ich habe Angst er könnte auf mich warten, mir folgen. Er weiß wo ich wohne. Ich fühle mich verfolgt. Immer wenn ich nachts arbeite und erst um Mitternacht rauskomme, habe ich Angst. Ich komme halb drei nach Hause. Die Stunden und Minuten und Sekunden dazwischen sehe ich Gestalten an jeder Ecke. Er könnte überall sein. Jede Gestalt im Dunkeln könnte ein Mensch sein, der mir wehtun will. Ich traue niemandem. Ich weine. Zweieinhalb Stunden. Von der Tür meiner Arbeit bis zur Haustür weine ich. Erst die geschlossene Wohnungstür gibt mir ein wenig Sicherheit.

Es ist Juli. Ich dachte die Angst würde sich allmählich legen. Keine Beklemmungen, wenn die U-Bahn seine Haltestelle passiert. Ich starre jedes Mal auf den Bahnsteig hinaus und halte Ausschau nach ihm. Anfangs hatte ich Angst, er würde einsteigen.
Dann beruhigte ich mich. Ich suchte nach ihm, um zu sehen, wie ich reagieren würde, sollte er tatsächlich dort stehen. Ein dummer Gedanke. Jedes Mal wenn mir jemand entgegen kommt, der ihm auf den ersten Blick ähnelt, rutscht mir das Herz in die Schuhe. Was erwarte ich bloß, wenn er mir tatsächlich einmal über den Weg laufen sollte?
Dennoch ließ die Angst nach. Ich konnte wieder an seiner Haltestelle vorüberfahren. Aussteigen kann ich dort nicht. Es fällt mir leichter, nachts nach Hause zu fahren. Doch dann kam Tag Y. Und ich wurde an den Anfang zurückgeworfen. Da wo noch vor Tagen eine neu erlangte Ruhe war, ist nun wieder Panik. Wird seine Haltestelle durchgesagt, verfalle ich in eine panische Schockstarre. Mein Inneres ist aufgewühlt und zugleich verletzt. Ich fühle mich angreifbar. Verletzlich. Schwach. Ich resigniere.

Während ich diesen Text korrektur lese, wird mir schwindelig. Meine Sicht verschwimmt. Obwohl ich gerade in meinem Zimmer sitze, in Sicherheit, obwohl ich ihn seit diesem Vorfall nicht mehr gesehen habe, macht es mich kaputt. Ich kann damit nicht umgehen. Mein Kopf und mein Körper wehren sich gegen diese Erinnerungen. Und doch sind sie da. Für immer.

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